Geschichte

Eine ernestinische Bibliothek

 

Das fränkische Coburg gehörte seit Mitte des 14. Jahrhunderts zum Machtbereich des mitteldeutschen Fürstengeschlechts der Wettiner (Markgrafen von Meißen, Landgrafen von Thüringen, seit 1423 Kurfürsten von Sachsen, seit 1485 geteilt in zwei Linien). Bis 1547 hatte der auch Coburg regierende ernestinische Familienzweig die Kurwürde inne. Die Kurfürsten von Sachsen schützten Martin Luther und verhalfen der Reformation zum Durchbruch. Schloss Ehrenburg wurde in den 1540er Jahren von Herzog Johann Ernst von Sachsen, dem jüngeren Halbbruder des letzten Reformationskurfürsten Johann Friedrich I. (der Großmütige) errichtet.

Bei den Ernestinern gab es kein Erstgeburtsrecht. Im Laufe der Jahrhunderte führte das zu vielfältigen Erbteilungen, Wiedervereinigungen und Gebietsverschiebungen, die sich kaum überblicken lassen. Da die Ernestiner bildungsaffin waren, ihre Bücher innerhalb der Familie vererbten und diesen zudem eine herrschaftslegitimierende Funktion zukam, waren auch sie von den andauernden politisch-territorialen Veränderungen betroffen. Das erschwert eine klassische Bibliotheksgeschichtsschreibung. Ernestinische Bibliotheken lassen sich weniger als statische Gebilde denn als Bücherströme erfassen. Das gilt uneingeschränkt auch für die Landesbibliothek Coburg, deren historischen Bestände Teil des vor allem auf Gotha, Weimar, Jena und Halle verteilten Buchkontinuums sind. So gibt es hier eine ganze Reihe von Büchern aus dem Vorbesitz des Begründers der Weimarer Linie Johann Wilhelm von Sachsen (1530-1573), seiner Frau Dorothea Susanna, geb. Pfalzgräfin bei Rhein (1544-1592) und ihres Sohnes Friedrich Wilhelm I. (1562-1602).

Bibliothek im Schloss um 1543/47

 

Das Coburger Stadtschloss „Ehrenburg“ wurde zwischen 1543 und 1547 von Herzog Johann Ernst (1521-1553), dem jüngeren Bruder Kurfürst Johann Friedrichs I. von Sachsen, errichtet. An der Stelle befand sich vorher das im Zuge der Reformation aufgelöste Franziskanerkloster. Architekturreste davon sind noch nachweisbar. In einem Büchermagazin ist bis heute ein Weihwasserbecken aus dem 13. Jahrhundert zu sehen. 

Bücher gab es in der Ehrenburg von Anfang an. Bis heute sind einige erhalten, die einst Johann Ernst gehörten. Der Coburger Schloss- und Bibliotheksgründer ist am Anfang der Lutherbibel genannt. Kurfürst Johann Friedrich erließ das Druckprivileg für die erste Gesamtausgabe von 1534 nämlich auch im Namen seines damals noch unmündigen Bruders.

 

 

 

 

Die Bibliotheken Johann Friedrichs des Mittleren


Der in die Grumbachschen Händel verstrickte und dem historischen Vergessen anheimgegebene gleichnamige Sohn und Nachfolger Kurfürst (bis 1547) Johann Friedrichs von Sachsen hat sich wiederholt in der Ehrenburg aufgehalten. Herzog Johann Friedrich II. (1529-1595), der Mittlere, war hochgebildet und stets von Büchern umgeben. Sein persönlicher Buchbesitz (1.200 Bände), der nach des Herzogs Verurteilung 1567 zunächst nach Jena gelangt war, wurde 1589/90 seinem in Coburg regierenden Sohn Johann Casimir (1564-1633) zugesprochen und nach Coburg verbracht.

Während der großteils in Wiener Neustadt verbrachten kaiserlichen Gefangenschaft hat Johann Friedrich II. erneut Bücher gesammelt. Wie zwei kürzlich aufgefundene Schreibkalender aus seinen letzten Lebensjahren mit handschriftlichen Eintragungen von ihm selbst zweifelsfrei belegen, müssen diese ebenfalls nach Coburg gelangt sein. Die Leiche Johann Friedrichs des Mittleren wurde nach seinem Tod zusammen mit seinen Besitztümern nach Coburg überführt, sein Leichnam in St. Moriz beigesetzt. Das große Epitaph vorne im Chor ist seinem Andenken gewidmet.

 

 

Die Bibliotheken Johann Casimirs

 

Aus den Überresten seines väterlichen Erbes hat Herzog Johann Casimir (1564-1633) ab 1586 ein modellhaftes kleines ernestinisches Fürstentum mit Coburg als Residenzstadt geschaffen. Er führte die von seinem Großonkel Johann Ernst begründete Büchertradition in Schloss Ehrenburg fort und errichtete daneben 1605 das heute noch bestehende Gymnasium Casimirianum als "sonderbare hohe Landesschule". Die als Alternative zur Universität Jena gedachte Neugründung stattete der Herzog reich mit Literatur aus. Wie drei Generationen vor ihm in Wittenberg sein Vorfahre Kurfürst Friedrichs III. von Sachsen (der Weise) dürfte auch Johann Casimir nicht streng zwischen Schloss- und Universitäts- bzw. Schulbibliothek unterschieden haben. Die Bibliotheca Casimiriana ist bis heute erhalten und gehört zu den Sammlungen der Landesbibliothek. Nicht abschließend klären lässt sich, ob, wie viele und welche von Johann Casimirs in der Ehrenburg befindlichen persönlichen Büchern 1632 den Zerstörungen und Plünderungen kaiserlicher Truppen zum Opfer fielen. Es ist davon auszugehen, dass der Großteil der von seinem Vater Johann Friedrich II. ererbten Bücher verlorenging. Doch sind bis heute auch außerhalb der Schulbibliothek Bücher aus Johann Casimirs Vorbesitz vorhanden. 

Bibliotheca Casimiriana

 

Die Barockbibliothek Albrechts

 

Johann Casimir und sein Bruder (regierte das Gebiet um Eisenach und Gotha) verstarben ohne Erben. Ihre Gebiete und Besitztümer fielen zurück in die ernestinische Gesamtmasse. Zu Ende des 30-jährigen Krieges war der Coburger Landesherr Friedrich Wilhelm II. von Sachsen-Altenburg. 1672 fiel das Gebiet an Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1601-1675), genannt der Fromme. Als Herr über den größten Teil der ernestinischen Gebiete errichtete er einen neuen modellhaften Staat und in der Residenzstadt Gotha Schloss Friedenstein sowie die heutige Forschungsbibliothek Erfurt-Gotha. 

Nach seinem Tod wurden Land und Besitztümer, Bücher eingeschlossen, unter seine sieben Söhne verteilt. Der zweitgeborene Albrecht (1648-1699) erhielt Coburg. Verheiratet mit einer Tochter des Wolfenbütteler Bibliotheksgründers Herzog August, führte Herzog Albrecht in Coburg ein barockes Hofleben. Mit den ihm zugesprochenen Teilen der Gothaer Bibliothek baute er in Schloss Ehrenburg eine Barockbibliothek auf, über die wir recht gut unterrichtet sind. Daneben errichtete er ein Hoftheater, legte einen barocken Schlosspark an und baute Schloss Ehrenburg um. 

Albrecht starb ohne Nachkommen und legte testamentarisch die Zusammenlegung seiner Schlossbibliothek mit der Gymnasiumsbibliothek, der "Bibliotheca Casimiriana", fest. Daraus erklärt sich, dass dort heute die meisten der Bücher zu finden sind, die einst am Weimarer Hof waren (Vorbesitzer Johann Wilhelm, Dorothea Susanna und Friedrich Wilhelm I. von Sachsen). Über Altenburg und Gotha sind diese schließlich nach Coburg gelangt.

Barockbibliothek Herzog Albrechts

Bibliotheca Casimiriana

Die Hofbibliothek der Aufklärung

 

Neuer Landesherr in Coburg wurde Albrechts jüngster Bruder Johann Ernst (1658-1729), der das Gebiet mit dem von ihm bereits vorher regierten Saalfelder Landesteil vereinigte. Anhand einer Eintragung in einer Bibel lässt sich der Nachweis führen, dass auch Johann Ernst Teile der Gothaer Bibliothek seines Vaters Ernsts des Frommen geerbt hatte. Über ihn müssen die ursprünglich Weimarer Bücher ins Haus gekommen sein, die sich heute in der Hof- und Staatsbibliothek befinden.

Im 18. Jahrhundert wurden die im Coburger Schloss vorhandenen Buchbestände planvoll zu einer Universalbibliothek ausgebaut, die das gesamte damals vorhandene Wissen umfassen sollte. Treibende Kraft waren die Herzöge Ernst Friedrich (1724-1800) und sein Sohn Franz Friedrich Anton (1750-1806). Zunächst Hofbibliothek genannt, wurde sie bereits im frühen 19. Jahrhundert aus öffentlichen Geldern finanziert, die der Herzog unregelmäßig aus seiner Privatschatulle bezuschusste. Diese hochangesehene Herzogliche Hof- und Staatsbibliothek, geleitet von dem Philosophen Friedrich Karl Forberg (1770-1848), stand einer begrenzten Öffentlichkeit zur Verfügung. Der berühmteste Nutzer war der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (1788-1866), der wegen dieser Bibliothek Coburg als Wohnsitz wählte. Seine Anmeldung vom 8. August 1820 ist erhalten.

Herzogliche Hof- und Staatsbibliothek

 

Die Bibliothek im 19. Jahrhundert

 

1807 wurde Coburg-Saalfeld wie alle Thüringischen Fürstentümer als souveräner Staat wiederbegründet. Auf dem Gebiet des heutigen Bayern gab es daher nach der Napoleonischen Zeit zwei Staaten, das - nach Säkularisation und Mediatisierung - um geistliche, reichsstädtische und markgräflich-hohenzollern'sche Besitzungen stark vergrößerte und zum Königreich erhobene Bayern und das kleine thüringisch-ernestinische Fürstentum Coburg. Das Coburger Herzogshaus war eher nach Norden orientiert, ab Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem nach Preußen. Dass sich die Coburger Bevölkerung 1919 gegen Thüringen und damit faktisch für Bayern entscheiden würde, spielte damals noch keine Rolle. Bibliotheksgeschichtlich bedeuteten diese Gegebenheiten im 19. Jahrhundert die Existenz einer Herzoglichen Hofbibliothek in Coburg (heute Landesbibliothek) und einer Königlichen Bibliothek in München (heute Bayerische Staatsbibliothek) nebst einer staatlichen bayerischen Bibliotheksverwaltung, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts die Regionalen Staatlichen Bibliotheken und die Universitätsbibliotheken Erlangen, München und Würzburg umfasste.

Für das Haus Sachsen-Coburg-Saalfeld bzw. ab 1826 Sachsen-Coburg und Gotha begann eine glanzvolle Zeit, da die Familie durch eine geschickte Heiratspolitik in den Monarchien Europas zu Ansehen und Geltung gelangte (ab 1831 Könige der Belgier, ab der Eheschließung Prinz Alberts von Sachsen-Coburg und Gotha mit Königin Victoria von Großbritannien und Irland 1840 engste Verflechtungen mit der britischen Monarchie etc.). Coburg wurde zur selbstbewussten Residenzstadt mit einem repräsentativen gesellschaftlichen Leben. In dessen Mittelpunkt stand das 1826 gegründete Herzogliche Hoftheater (heute Landestheater), das im Wechsel mit dem Herzoglichen Theater in Gotha bespielt wurde. Bibliothekarisch spiegelt sich all das in verschiedenen Sammlungen wieder, die erst im 20. Jahrhundert mit der einstigen Hof- und Staatsbibliothek unter dem Dach der Landesbibliothek zusammengeführt wurden.

Herzogliche Hof- und Staatsbibliothek

Die Bibliothek nach dem Ende des Herzogtums

Nach dem Ende des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha 1918 wurde im temporären Freistaat Coburg frühzeitig mit dem Gedanken an einen Zusammenschluss mit Bayern gespielt. Das Votum der Bevölkerung gegen einen Anschluss an den Freistaat Thüringen führte dann zum per Staatsvertrag geregelten Zusammenschluss im Jahr 1920. Bereits im Vorfeld wurden Maßnahmen ergriffen, um das Kulturgut des in Auflösung begriffenen Kleinstaats ans Land zu binden. Dazu wurde aus dem Domänengut die Coburger Landesstiftung gegründet. Neben den Kunstsammlungen der Veste Coburg mit dem berühmten Kupferstichkabinett und dem Naturkundemuseum gehörte die zunächst „Landesbücherei“ genannte Bibliothek bis 1972 zu ihren Einrichtungen.

Bis zum zweiten Weltkrieg war die Landesbibliothek weitgehend mit der einstigen Hof- und Staatsbibliothek identisch, die weiter ergänzt wurde. Ab 1949 wurde mit dem Aufbau eines Numerus Currens-Bestandes begonnen, der bis heute fortgeführt wird. Der damals als Errungenschaft geltende  PI-Zettelkatalog ist längst durch den elektronischen Katalog abgelöst. Der laufende Bestandsaufbau wurde vor allem in den 1950er Jahre ergänzt durch die Übernahme und den Ankauf weiterer teils hochkarätiger Coburger Büchersammlungen - bis heute Eigentum der Coburger Landesstiftung. 

Herzogliche Hof- und Staatsbibliothek

Landesstiftungsgesetz (PDF)

Eine Regionale Staatliche Bibliothek in Bayern

Da die finanzielle Basis der Coburger Landesstiftung nicht ausreichte, um - neben den Kunstsammlungen der Veste Coburg und den herzoglich-naturkundlichen Sammlungen im Naturkundemuseum - auch die herzoglichen Büchersammlungen ihrem Rang entsprechend zu unterhalten, wurde bereits frühzeitig über die "Verstaatlichung" nachgedacht. Nach langen und zähen Verhandlungen, bei denen die Eigentumsfrage nicht zu klären war, ging die Landesbibliothek per Vertrag schließlich 1973 in die Verwaltung des Freistaats Bayern über. Die „historisch-traditionelle Bindung an Coburg“ und der Name „Landesbibliothek“ wurden festgeschrieben. Für die nunmehr Regionale Staatliche Bibliothek galten fortan die Regelungen der seit mehr als 150 Jahren bestehenden Bayerischen Staatlichen Bibliotheksverwaltung. 1999 wurde deren Generaldirektion mit der Bayerischen Staatsbibliothek zusammengelegt, die seitdem zuständige Mittelbehörde ist. Knapp 10 Jahre später wurden auch die Haushaltstitel der Bayerischen Staatsbibliothek und der Regionalen Staatlichen Bibliotheken zusammengelegt. Eine hochmoderne Forschungsbibliothek von Weltrang auf bayerischem Resonanzboden wie die Bayerische Staatsbibliothek lenkt nun die Geschicke der durch zahlreiche historische Brüche geprägten Landesbibliothek Coburg. 

Übereinkommen von 1973 (PDF)

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