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Coburg aus dem "Dintenfas": Vandalen, Luther und Gespenster: Poetische Fantasien zur "Veste" Coburg"Veste" Coburg als nationales Luther- "Heiligtum":

 "Veste" Coburg als nationales Luther - "Heiligtum": 

Veste Coburg. Ansicht von Osten um 1830. Stahlstich nach Ludwig Richter (1803-1884). Aus: Heeringen: Wanderungen durch Franken, S. 20. Privatbesitz.

Da Luther das Lied "Ein' feste Burg" während seines Coburger Aufenthaltes nach Auskunft seines Begleiters Veit Dietrich täglich gesungen hat, ist davon auszugehen, dass es schon vorher, vermutlich 1529 gedichtet worden ist. Der Wunsch nach Aufwertung von Luthers Aufenthaltsort war wohl der Vater des Gedankens, die "Coburg" als Entstehungsort dieses prominenten Reformationsliedes zu proklamieren. Die Metapher der "feste[n] Burg" erscheint  denn  auch  zu  verlockend,  um sie nicht auf die spätere "Festung" Coburg zu beziehen. Tatsächlich war jedoch die Coburg während Luthers Anwesenheit vom 25.4. bis zum 4.10.1530 noch keine "Festung". Dazu wurde sie erst im Folgejahr während des Torgauer Landtages erklärt.

Gerade im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als sich die Luther-Verehrung intensivierte, fand dies auch in Coburg seinen Niederschlag in der Aufstellung der Riezler'schen Luther-Büste an St. Moriz (und einer weiteren Büste an der späteren Luther-Schule anlässlich des 400. Geburtstages 1883), in der 1907 erfolgten Umbenennung der nunmehrigen Luther-Schule am Albertsplatz sowie in dem weltkriegsbedingt nicht realisierten Projekt des Luther-Denkmals an der "Veste". 

Die Genese der Coburger Festung zum Wallfahrtsort und damit zu einem nationalen "Heiligtum" hatte bereits wenige Jahre nach dem  Tod des  Reformators eingesetzt. 1604  wurde erstmals die "Lutherstube" in einem Festungs-Inventar erwähnt. Das ihm zugeschriebene Bett stand im Zentrum des Besucherinteresse. Daher zeigte sich denn auch das Bettgestell 1909, als es aus der Stube entfernt wurde, in ruinösem Zustand, denn seit Jahrhunderten war es als Quelle zahnheilkräftiger Späne Spreißel für Spreißel durch Wallfahrer abgebaut worden. 

"... so hat ihre äussere Gestalt Aehnlichkeit mit einer Krone" - Gustav v. Heeringens "Wanderungen durch Franken":

 Gustav von Heeringen, um 1840. STA Co, Bildslg. Inv.-Nr. IV, 10/2.

Das erste Beispiel der poetischen Phantasien zur "Veste" Coburg ist die Beschreibung von Gustav von Heeringen (1800-1851), die zwar seinen Reiseschilderungen "Wanderungen durch Franken" und damit einer Sachtext-Gattung entstammt, aber eine bunte Mischung von Dichtung und Wahrheit enthält. Zur "Veste" Coburg referiert Heeringen in knapper Form den Stand des Wissens im frühen 19. Jahrhundert - einschließlich der unsicheren Entstehungsgeschichte der Burg und deren Besitzübergang von den Hennebergern zu den Wettinern - ohne den Leser mit Jahreszahlen zu belasten. So wenig poetisch der Text zunächst erscheinen mag, so sehr entspricht er doch dem schriftstellerischen Ziel, das Heeringen mit seinem Buch verfolgte: "Nicht für Schulen oder für das Nachschlagen gelehrter Forschungen ist es bestimmt, sondern es soll ein heiterer Leitfaden dessen sein, der mit empfänglichem Herzen für das Schöne und für den Anklang der Poesie, eine Uebersicht über unser Vaterland sich zu eigen machen will." 

"Idisburg" - literarisches Denkmal des nationalen Ursprungsmythos in Gustav Freytags "Die Ahnen": 

Zu einem weit über seine Zeit hinaus bedeutsamen historischen "Lehrmeister" wurde Gustav Freytag mit seinen dreibändigen "Bildern aus der Deutschen Vergangenheit" (1859-1867) und mit der achtteiligen Romanfolge "Die Ahnen" (1872-1880), in deren erstem Buch "Ingo und Ingraban" er mit der "Idisburg" der "Veste" Coburg ein literarisches Denkmal als Schauplatz des nationalen Ursprungsmythos' setzte. Er erhob die "Veste" an entscheidenden Stellen seines Historienromans zur Konstante der nationalen Einigung Deutschlands. 

Da die Beschreibung der "Idisburg" im ersten, zeitlich an das Ende der Völkerwanderung gesetzte Buch "Ingo und Ingraban" das frühmittelalterliche Bild der Coburger Burg nachhaltig beeinflusste, ist von einem erheblichen geschichtskulturellen Einfluss der Werke Freytags gerade in Coburg auszugehen. Im Vorwort zu seinem wichtigsten Roman "Soll und Haben" (1855) erinnert der Autor an einen Abend mit Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1893) auf dessen Coburger Schloss Callenberg: 

"Es war ein lachender Maiabend auf dem Kalenberg. [...] An diesem Abend sah Eure Hoheit, an die Steine der alten Schloßmauer gelehnt, sorgenvoll über die fruchtbaren Felder hinein in die dämmrige Ferne. Was mein edler Fürst damals sprach: über die Verwirrung der letzten Jahre, über die Mutlosigkeit und müde Abspannung der Nation, und über den Beruf des Dichters, der gerade in solcher Zeit dem Volke einen Spiegel seiner Tüchtigkeit vorhalten solle zur Freude und Erhebung, - das waren goldene Worte, in denen sich ein großer Sinn und ein warmes Herz offenbarten und sie werden lange nachklingen in dem Herzen des Hörers. Seit diesem Abend habe ich den Wunsch, mit Eurer Hoheit Namen das Buch zu schmücken, dessen Plan ich damals mit mir herumtrug." 

Freytag vermied es weitgehend einzelne historische Persönlichkeiten herauszustellen. Martin Luther ist jedoch eine Ausnahme. Freytag baute ihn und seine so langfristig wirksame Lehre in die "Ahnen"-Reihe ein: Marcus König besucht Luther 1530 während dessen Aufenthalt auf der "Veste". Nach der Unterredung mit dem Reformator stirbt Marcus mit beruhigtem Gewissen im Burghof, nicht wissend, dass dies der Stammsitz seiner Familie ist. So salbungsvoll konstruiert wie viele Episoden der Romanfolge endet auch diese, die in die nationalmythische Bewertung Luthers durch den allwissenden Autor mündet: Der Reformator wird als idealtypische Personifikation des Credos von Freytags Romanfolge charakterisiert, des geheimnisvoll wirkkräftigen deutschen "Volkswesens". Im Schluss der "Ahnen"-Folgen laufen die Handlungsstränge der deutschen Nationalgenese zusammen - am Beispiel der Familiengeschichte, der identitätsstiftenden Rolle Luthers und des Kontinuitätsstandorts der "Idisburg"/Coburg. Deren Funktion hat sich parallel zur Entwicklung der Romanfolge von der spätantiken Volksburg über die spätmittelalterliche Residenz und die frühneuzeitliche Landesfestung zum national bedeutsamen Museumsstandort verändert. Diese Synthese offenbart die Absicht Gustav Freytags, der "Veste" Coburg ein national ausstrahlendes literarisches Denkmal zu setzen. Er verstärkt damit die seit dem frühen 19. Jahrhundert feststellbare Tendenz der nationalistischen Instrumentalisierung Luthers und der Reformation. 

Fritz Hofmanns Historismus-Kritik im "Geisterspuk":

Friedrich von Hofmann. Stahlstich nach Foto. STA Co, Bildslg. Inv.-Nr. IV, 18/11. 

Mit seinem, gewissermaßen als resümierendes Alterswerk konzipierten, 1877 erschienenen "fröhlichen Heldengedicht": "Geisterspuk oder Das Große Umgehen auf der Veste Koburg", publizierte der aus Coburg stammende Herausgeber der "Gartenlaube", Friedrich Hofmann (1813-1888), eine sehr humorvoll geschriebene Kritik an der unter den Herzögen Ernst I. und Ernst II. durch die Architekten Heideloff, Görgel und Rothbart realisierten, neogotischen Renovierung der "Veste" Coburg. 

Der "Geisterspuk" ist ein in vierzeilige Strophen gereimtes, in 15 "Stücklein", "Vor"-und "Nachgesang" gegliedertes "Heldengedicht". Es entspringt der wertkonservativen Heimatverbundenheit Hofmanns, der diesen zentralen Erinnerungsort seiner Kindheit durch das neugebaute "mittelalterliche Gewand der Festlichkeit" bis zur Unkenntlichkeit verwandelt sah. Der Dichter bietet einen ausschnitthaften Eindruck von der "Ves-te" in ihrem neuen, historistischen Erscheinungsbild. Dies ist der Schauplatz der "Reichsnacht" der Geister der deutschen und der Coburger Geschichte.  

Als Einstieg in die Handlung lässt Hofmann einen englischen Lord an heftigen Zahnschmerzen leiden. Von seinem Schloss führt der Weg der Linderung direkt nach Coburg, dessen international bekannte "Alleinstellungsmerkmale" - das heilbringende Luther-Bett, die Bratwürste und das Bier - dem Leser im Wirthaus "Zoll-hof" gleich im "ersten Stücklein" vorgeführt werden.

 

Herr Paddy zwischen Coburger Bratwurst und Zollhof-Bier am Coburger rathaus. Holzstich nach Gustav Sundblad. In: Hofmann, Geisterspuk, 1877, S. 10. Archiv SSC.

Es beginnt das nächtliche "große Umgehen" der Geister- und Sagengestalten der Hausgeschichte und des Museums: Hofmann lässt die hier ausgestellten Figuren vom Spätmittelalter bis zum zweiten Kaiserreich Revue passieren. Nachdem sich dieser Aufzug zur feuchtfröhlichen, alte Feindschaften bereinigenden Geister-"Reichsnacht" erklärt hat, lässt Fritz Hofmann die Rivalen des Dreißigjährigen Krieges, Kaiser Ferdinand II. (1578-1637) und König Gustav II. Adolf von Schweden (1594-1632), per Handschlag ein gemeinsames Denkmalsprojekt initiieren: das Luther-Denkmal auf der "Veste". Das Projekt scheitert. Hofmann lehnte den historistischen Zeitgeist des 19. Jahrhunderts ab, den man der "Festung" übergestülpt und der das lokale Identifikationsobjekt unkenntlich gemacht hatte. 

Hubertus Habel/ Bearbeiter: Edmund Frey

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