[Zurück zu unserer Startseite] [Startseite "Dintenfas"]
Coburg aus dem "Dintenfas":
"In
einem Städtchen voller Zwang": Moritz August von Thümmel (1738-1817)
- Genießer und Hypochonder auf Reisen
Thümmel
entstammte einer Familie sächsischer Landadeliger, die infolge des Schlesischen
Krieges verarmte. 1756 begann er in Leipzig ein Studium der Rechte,
interessierte sich daneben aber auch intensiv für die "Schönen
Wissenschaften". Zu seinen Lehrern zählten u.a. Christian Fürchtegott
Gellert (1715-1769), Verfasser von Fabeln, Schauspielen und Romanen , und Johann
Christoph Gottsched (1700 -1766), Verfasser einer Poetik der Aufklärung.
Besonders wichtig für Thümmel waren die Freundschaften, die er in Leipzig
schloss, vor allem mit Christian Felix Weiße (1726-1804), bekannt als Lyriker,
Dramatiker, Verfasser von Singspielen und von Literatur für Kinder. An dessen
Zeitschrift "Bibliothek der Schönen Wissenschaften und der freyen Künste"
arbeitete Thümmel schon in Leipzig mit und schrieb Epigramme und Rezensionen.
Amt und Leben in Coburg:

Moritz
August von Thümmel. Stich von Oeser. LBC, GP A Thümmel 1.
1761
- nach Abschluss seines Studiums in Leipzig - trat er als Kammerjunker in den
Dienst des Erbprinzen Ernst Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld. Mit dessen
Regierungsantritt wird Thümmel Geheimer Hofrat und Hofmeister, 1768 wirklicher
Geheimrat und Minister. Thümmel lebte im nachmaligen
"Erbprinzenpalais", Steingasse 18, dem heutigen Ämtergebäude.
Reisen:
Thümmel
reiste gern, so weit es seine Finanzen erlaubten, um seinem wenig befriedigenden
Berufsalltag zu entfliehen. Er
unternahm zwei große Reisen: 1771 fuhr er mit seinem jüngeren Bruder Friedrich
Christian und dessen Braut Friederike von Wangenheim in
Erbschaftsangelegenheiten nach Amsterdam und dann weiter nach Paris. Friederike
von Wangenheim (1748-1799) war die Witwe eines ehemaligen Offiziers in Surinam
und Kammerherrn in Gotha, der eine reiche Erbschaft in Surinam hatte. Nach nur
neunwöchiger Ehe mit Friederike starb er und hinterließ ihr sein gesamtes großes
Vermögen.
Die zweite große Reise führte Thümmel 1774 bis 1777 mit seinem Bruder Friedrich Christian und dessen Frau Friederike nach Frankreich, vor allem in die Provence.

Aus:
Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
im Jahr 1785 bis 1786. 1918.
Unternehmer:
1771
übernahm Thümmel die von ihm 1765 initiierte Holzsteinschneidemühle in Oeslau
und gestaltete sie um zu einer Marmelmühle, die einerseits die finanzielle
Situation Thümmels verbessern sollte und andererseits - in gut aufgeklärter
Manier - tätig in die Gesellschaft wirken sollte und Arbeitsplätze schuf. Diese Mühle war in Thümmels Besitz
bis 1805, als ihm das bis dahin garantierte Privileg für die Marbelherstellung
im Herzogtum entzogen wurde - auf Grund einer Interventionen des Ministers von
Kretschmann, der Monopole und Privilegien als "wirtschaftsfeindlich"
einstufte. Die Mühle wurde wieder an den Herzog zurückverkauft.
Heirat
und Tod:
Nach
dem plötzlichen Tod seines Bruders Friedrich Christian 1778 heiratete Thümmel
dessen Witwe Friederike 1779. Damit waren - trotz des aufwändigen Lebensstils -
die finanziellen Probleme auf Lebenszeit beseitigt, wenn auch in späteren
Jahren durch Napoleons Kriege und die Handelssperren Englands die Mittel knapper
wurden.
1783 kam es zum Zerwürfnis zwischen Thümmel und dem regierenden Herzog, das zum eigenen Antrag auf Entlassung aus dem Dienst führte. Thümmel zog 1783 nach dem bei Gotha gelegenen Gut Sonnenborn, das seiner Frau gehörte. Hier und in Gotha verbrachte er den größten Teil seines weiteren Lebens. Anlässlich der Hochzeit von Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld mit Prinzessin Luise von Sachsen-Gotha 1817 besuchte er ein letztes Mal Coburg. Nach kurzer Krankheit starb er hier im Alter von fast 80 Jahren. Er wollte "wie einige ihm vorausgegangene Freunde und Freundinnen" in freier Natur bestattet werden und nicht auf einem gewöhnlichen Friedhof: Im Hain in Neuses bei Coburg konnte Thümmels Wunsch erfüllt werden.

Das
Grab Thümmels im Hain in Coburg-Neuses. Aus: Gruner; Johann E. von: Leben
M.A.von Thümmels (Bd. 7), 1819. LBC, Cob-61, 865.
Erster
Erfolg: "Wilhelmine oder der vermählte Pedant" (1764):
1764
erschien das Werk, das den Literaten Thümmel bekannt, ja berühmt machte:
"Wilhelmine", ein "prosaisch-komisches Gedicht", wie es im
Untertitel genannt wird. Dieses Werk wurde ein Bestseller, es erschien in
mehreren Auflagen, die zum Teil sehr reichhaltig mit Kupferstichen ausgestattet
waren. Zwischen Gellerts Fabeln (1746-1748) und Goethes Werther (1774) war Thümmels
"Wilhelmine" die erfolgreichste deutschsprachige Veröffentlichung.
Die literarische Kritik war überzeugt von Thümmels großem Talent. In
"Dichtung und Wahrheit" resümierte Goethe:
"Thümmels
Wilhelmine, eine kleine geistreiche Composition, so angenehm als kühn, erwarb
sich großen Beifall, vielleicht auch mit deßwegen, weil der Verfasser, ein
Edelmann und Hofgenosse, die eigne Classe nicht eben schonend behandelte."
Die
Handlung der Wilhelmine ist schnell erzählt: Sebaldus, Dorfpfarrer und
Magister, verliebt sich in die junge, schöne Wilhelmine. Der Hofmarschall des
nahen Hofes schnappt sie ihm weg. Nach vier Jahren hat Sebaldus einen Traum, in
dem ihm Martin Luther (Erste Ausgabe; in allen folgenden Ausgaben wird Luther
durch Gott Amor ersetzt, wie von Weiße empfohlen) erscheint und einen Weg
zeigt, Wilhelmine doch noch zu heiraten. So geschieht es.
In
einem Widmungsgedicht zur Wilhelmine benennt Thümmel illusionslos seine eigene
Situation als Dichter und unschwer ist zu vermuten, dass er dabei an Coburg
denkt:
"In
einem Städtchen voller Zwang,
Dem Sitz verjährter Kleinigkeiten,
Wo Lust und Scherze zu verbreiten
Es keinem Dichter noch gelang,
Wagt' ich aus Einsamkeit und sang."
"Reise
in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785-1786":
Lange
Jahre nach seiner Reise in die Provence veröffentlichte der inzwischen
53jährige Thümmel
ab 1791seinen Roman "Reise in
die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785-1786". Der Roman
ist nicht als Bericht über die tatsächliche Reise Thümmels zu betrachten.
Zwar kannte der Autor die Orte und die Landschaften, von denen er schrieb und
zudem leidet Wilhelm, die Hauptfigur, an der Hypochondrie, wie Thümmel in jener
Zeit. Aber alles andere ist freie Gestaltung dichterischer Fantasie. Der Roman
erschien in 10 Teilen von 1791 bis 1805. Die "Reise" haben
Zeitgenossen wie Jean Paul und Friedrich Maximilian Klinger, aber auch
Eichendorff und die Romantiker geschätzt. Nur Schiller war
unzufrieden: Er
bemängelte ein Zuviel an "Unterhaltung" und vermisste die
Gestaltung des "Ideals".
Edmund Frey
[Zurück zu unserer Startseite] [Startseite "Dintenfas"]
© 2006
Landesbibliothek Coburg, alle Rechte vorbehalten