[Zurück zu unserer Startseite]

Georg Spalatin: Chronik der Sachsen und Thüringer im Internet:

Die Spalatin-Chronik aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehört zu den wertvollsten Beständen der Landesbibliothek Coburg. Sie steht jetzt online allen Interessierten zur Verfügung. Um das noch weit gehend unerforschte, für Philologen, Historiker und Kunsthistoriker gleichermaßen faszinierende Werk nicht länger der Öffentlichkeit vorzuenthalten, wurde es 2005 in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Würzburg sowie dem Lehrstuhl für Informatik II der Universität Würzburg (Prof. Dr. Jürgen Albert) digitalisiert. In Ergänzung ist eine auf Entstehung und Inhalte bezogene Untersuchung in Vorbereitung. Auf dieser Basis wird die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung ebenso möglich sein wie die Vertiefung in einzelne Bilder und Textpassagen.

 

Band 3, Folio 218r: Wie Koburg und Sunnenberg an die Lanntgraven zu Düringn kummen sein.

Bitte auf die Abbildung klicken, dann werden Sie auf die Webseite mit der Spalatin-Chronik weitergeleitet.

Die Spalatin-Chronik

Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, genannt der Weise (1463-1525), aus dem Hause Wettin beauftragte 1510 oder etwas früher seinen Berater, Sekretär, Archivar, Bibliothekar und Historiografen mit einer breit angelegten Stammes- und Landeschronik. Dieser war kein geringerer als Georg Burckhardt (1484-1545), der sich in humanistischer Manier nach seinem Geburtsort Spalt bei Nürnberg Spalatin nannte und als Weggefährte Martin Luthers weithin bekannt wurde. Nach einem Studium in Erfurt und Wittenberg gelangte Spalatin an den humanistisch gesinnten kursächsischen Hof. Dort wirkte er dank seiner Vertrauensstellung nicht zuletzt als Vermittler des reformatorischen Gedankengutes an Friedrich den Weisen, den baldigen Verteidiger und Beschützer Luthers.

Im 16. Jahrhundert zog es begabte Franken offensichtlich nach Sachsen und Thüringen. Kongenial wirkte an der Spalatin-Chronik der aus Kronach stammende und sich nach seinem Geburtsort nennende kursächsische Hofmaler Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) mit. Aus seiner Werkstatt stammen die weit über 1000 Illustrationen. Unter Oberaufsicht des Meisters wurden die aquarellierten Federzeichnungen von mehreren in seiner Werkstatt tätigen Künstlern ausgeführt. Ziel war die Einheit von Bild und Text, was sich in der an humanistischen Vorstellungen orientierten Seitengestaltung, der regelmäßigen Abfolge von Überschrift, Bild und Text, gut erkennen lässt.

Geschichtliche Dinge wurden in Mittelalter und früher Neuzeit gerne erzählend, ja fast im Plauderton vermittelt. Historische Begebenheiten wechseln sich ab mit Histörchen, die Taten der Herrscher in manchen Fällen sogar mit vermeintlichen Wunderzeichen wie Kometen, Naturkatastrophen und Mehrlingsgeburten. Frühneuzeitliche ebenso wie mittelalterliche Chroniken zählen daher zu den literarischen Gattungen und lassen sich einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung unterziehen. Geschichtsschreibung nach heutigem Verständnis war der damaligen Zeit fremd. Das soll nicht heißen, dass Historiker unter Anwendung entsprechender quellenkritischer Methoden nicht zahlreiche Informationen aus solchen Werken ziehen können. Spalatin bemüht sich durchaus um die historischen Fakten, betreibt sogar Quellenstudien, übersetzt überlieferte lateinische Urkunden, Inschriften etc. innerhalb der Chronik ins Deutsche und lässt sogar erste Ansätze von Quellenkritik erkennen. Doch die Übergänge zwischen tatsächlichen Begebenheiten und tradierten Spekulationen sind auch bei ihm fließend. Es ging ja schließlich weniger um die reinen Fakten als um die Selbstdarstellung des Herrscherhauses und seine dynastische Legitimation. Bei dieser Zielsetzung bietet sich eine narrative Darstellung an.

Die glorifizierende, oft sogar mythische Herleitung von Stämmen und Adelsgeschlechtern, die Herausstellung ihrer Taten und Leistungen war in verschiedenen Chroniktypen des Mittelalters und der frühen Neuzeit zu finden, in Weltchroniken ebenso wie in Kloster-, Bistums- und Territorialgeschichten. Angefangen mit der 1518 abgeschlossenen, vom kaiserlichen Hofhistoriografen Jakob Mennel verfassten „Fürstlichen Chronik genannt Kaiser Maximilians Geburtsspiegel“ wurden selbstständige Adels- oder Stammeschroniken im 16. Jahrhundert zu einer regelrechten Modeerscheinung. Ein so reiches und einflussreiches Geschlecht wie die Wettiner durfte da nicht fehlen.

Die Markgrafen von Meißen (seit 1089) und Landgrafen von Thüringen (seit 1236) hatten seit 1423 auch die sächsische Kurwürde inne. Sie sahen sich daher in der Tradition früherer sächsischer Herrschergeschlechter, etwa der Ottonen (Liudolfinger), denen ein ganzer Chronikband gewidmet ist. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die einzelnen Herrscherpersönlichkeiten. Der Aufbau der Chronik orientiert sich weitgehend an genealogischen Zusammenhängen. Wegen der dynastischen Verflechtungen verläuft der Erzählfluss stellenweise nicht linear, sondern springt vor und zurück. Innerhalb dieses Gesamtkonzept, das unterschiedlich konsequent ausgefüllt ist, ist eine Fülle von Details über Leben und Taten zahlreicher historischer Persönlichkeiten zu finden; darunter etwa auch Kaiser Heinrichs II. und Kaiserin Kunigundes oder des Landgrafenpaares Ludwig und Elisabeth von Thüringen.

Die Spalatin-Chronik ist bis heute nicht ediert. Ihre wesentlichen Teile liegen als drei voluminöse Handschriftenbände in der Landesbibliothek Coburg. Es versteht sich von selbst, dass sie zu deren ganz besonderen Schätzen zählt. Spalatin konnte sein auf sechs Bände konzipiertes Lebenswerk nicht vollenden. Die Chronik bricht in der Zeit Kurfürst Friedrichs I. von Sachsen, genannt der Streitbare (1370–1428) ab. Die Zeit des Verfassers und seiner Auftraggeber – neben bzw. nach Friedrich dem Weisen waren das sein Bruder Kurfürst Johann von Sachsen, genannt der Beständige (1468-1532) sowie sein Neffe Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen, genannt der Großmütige (1503-1554) – wird nicht mehr wie geplant erreicht. Laut Spalatins Testament von 1535 lagen die Coburger Bände bereits damals gebunden vor. Das inhaltliche bzw. redaktionelle Verhältnis zu einem im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar liegenden vierten Band, der im Testament nur als lose beschriebene und illustrierte Papierlagen aus sechs Blättern ("Sexternen") verzeichnet ist und erst 1681 gebunden wurde, ist verwickelt und nur mit großer Akribie zu analysieren. Detailstudien zu den drei Coburger Bänden sind in Vorbereitung.
Literaturangaben:

* Kaltwasser, Franz Georg: Die Handschriften der Bibliothek des Gymnasiums Casimirianum und der Scheres-Zieritz-Bibliothek. Coburg 1960, S. 30-34.
* Meckelnborg, Christina – Riecke, Anne-Beate: Die „Chronik der Sachsen und Thüringer“ von Georg Spalatin. In: Fata Libellorum. Festschrift für Franzjosef Pensel zum 70. Geburtstag. Göppingen 1999, S. 131-162.
* Andersson, Christiane: Die Spalatin-Chronik und ihre Illustrationen aus der Cranach-Werkstatt. In: Lucas Cranach. Ein Maler-Unternehmer aus Franken. Hrsg. von Claus Grimm. Augsburg 1994, S. 208-217.
* Brendle, Franz u.a. (Hg.): Deutsche Landesgeschichtsschreibung im Zeichen des Humanismus. Stuttgart 2001 (= Contubernium 56).
* Bierende, Edgar: Lucas Cranach d.Ä. und der deutsche Humanismus. Tafelmalerei im Kontext von Rhetorik, Chroniken und Fürstenspiegeln. München, Berlin 2002.
* Glaube und Macht. Sachsen im Europa der Reformationszeit. Katalog der 2. Sächsischen Landesausstellung, Torgau, Schloß Hartenfels 2004. Hrsg. von Harald Marx und Eckhardt Kluth. Dresden 2004, v.a. S. 281-282.
* Neu entdeckt. Thüringen – Land der Residenzen. Katalog der 2. Thüringischen Landesausstellung, Schloss Sondershausen 15. Mai – 3. Oktober 2004. Hrsg. von Konrad Scheurmann und Jördis Frank. Mainz 2004, v.a. Bd 1, S. 46.

Silvia Pfister

[Zurück zu unserer Startseite]

© 2006 Landesbibliothek Coburg, alle Rechte vorbehalten