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"Zum
äußersten Entsetzen der Oberhofmeisterin": Sophie Mensdorff-Pouilly
Als erstes Kind des Erbprinzen und späteren Herzogs Franz Friedrich Anton (1750-1806) und Augustes (1757-1831) wurde Sophie am 19. August 1778 in Coburg geboren. 1804 heiratete Sophie den österreichischen Rittmeister Emanuel Baron von Pouilly (1777-1852), der sich als Sohn französischer Emigranten "Mensdorff" nannte, um nicht erkannt zu werden, falls er in die Hände der Französischen Republik fallen sollte. Der Ehe entstammten sechs Söhne. Von 1824 bis 1834 lebte Sophie mit ihrer Familie in Mainz, wo Emanuel - ab 1829 Feldmarschall - bis 1834 Kommandant der Bundesfestung und stellvertretender Gouverneur war. Am 9. Juli 1835 starb sie in Böhmen.

Sophie
und die "große Welt":
Otto von Corvin (1812-1886) begegnete als junger preußischer Leutnant in Mainz Sophie Mensdorff-Pouilly. In seinen 1861 veröffentlichten Erinnerungen "Aus dem Leben eines Volkskämpfers" beschreibt er Sophie, die in Mainz als die "Fürstin" bekannt war: "Die Fürstin soll ein sehr schlankes, gewandtes, munteres und hübsches Mädchen gewesen sein. Sie erzählte mir später, dass sie einst, als ein fremder Prinz in Coburg zum Besuch gewesen, mit dem sie sich gejagt habe, zum äußersten Entsetzen der Oberhofmeisterin zum Fenster hinaus in den Garten gesprungen sei."

Schloss
Ehrenburg. Stich von C. Heideloff. Coburgisches Taschenbuch 1821. LBC, Alm 127:
Hier sprang Sophie zum "Entsetzen der Oberhofmeisterin" in den Garten.
Sophie
fühlte sich fremd in der Welt der alten Adelsordnung: Nach ihrer Rückkehr nach
Prag stellt sie fest, dass hier "die Leute vor Allem das wissen wollen, ob
sie eine Person von Stand ist." An ihren Bruder Herzog Ernst I. schrieb sie
nur wenige Monate vor ihrem Tod über die Prager Gesellschaft: "Sie sind
noch viel hochmütiger als sie schon waren, liberal-grob, dabey fade, daß man
sich nach irgend einen klugen Gespräch
sehnt - sie sind indiscret und lächerlich, sprachen albernes Zeug [...] wie
kleinstädtisch sind die Leute aus der großen Welt!"
Sophie
und die Literatur:
Sophie
gehörte zu den vielen, meist unbekannt gebliebenen Schriftstellerinnen der
romantischen Epoche. Weit davon entfernt, mit den berühmten schreibenden Frauen
der Romantik wie Caroline Schlegel, Karoline von Günderode oder Rahel
Levin-Varnhagen verglichen zu werden, ist Sophie doch ein Beispiel für ein
gesteigertes Interesse am Lesen und Schreiben. Wie ihre Mutter, Herzogin
Auguste, war Sophie eine begeisterte Briefschreiberin und damit typisch für die
Zeit der Aufklärung und Romantik. Im früheren Archiv der Familie
Mensdorff-Pouilly befinden sich Hunderte Briefe von Sophie. Ebenfalls wie ihre
Mutter, Herzogin Auguste, führte Sophie Tagebuch, das sich im Archiv erhalten
hat.
Von Sophie Mensdorff-Pouilly gibt es nur wenige Veröffentlichungen: 1830 erschienen im Verlag Florian Kupferberg in Mainz in zwei schmucklosen Bänden "Mährchen und Erzählungen". Als Autorin wurde genannt: "Sophie Gräfin von M** geborne Prinzeß von S.-K." Sophie schrieb für den "Hausgebrauch": Die "Mährchen" verfasste sie als Gutenacht-Geschichten für ihre Kinder. Die Erzählungen wurden von ihr und auch von ihrem Mann im Kreis von Freunden und Verwandten vorgelesen.

Mensdorff-Castel. Der Turm ist heute Teil von Schloss Falkenegg in Coburg-Neuses. Zeichnung von Wilhelm Streib, 1888. LBC, Cob-Q 56, 65 (1/3).
"Mährchen
und Erzählungen":
Sophie
beschrieb nicht, wie andere romantische Schriftstellerinnen, alternative Lebens-
oder Emanzipationsentwürfe für die Frauen ihrer Zeit. Ebenso wenig war Sophie
aufgrund ihrer privilegierten Stellung und sozialen Absicherung auf das
Schreiben als Beruf angewiesen. Dadurch unterschied sie sich von bürgerlichen
oder kleinadeligen Frauen der Romantik, die sich mit Hilfe der "Büchermacherey"
erweiterte Handlungsspielräume in einer männlich dominierten Gesellschaft
erhofften (eine Hoffnung, die in Anbetracht der erheblichen Zunahme des
Lesepublikums durchaus berechtigt war).
Sophies Erzählungen sind in einer fiktiven Zeit angesiedelt, die Elemente eines idealisierten Mittelalters und gleichzeitig aus Sophies Epoche enthält, wie es sich für die romantische Epoche gehört. Für die Romantiker war das Mittelalter eine Zeit, in der noch die ersehnte "Ursprünglichkeit" existierte, die die gegenwärtige Gesellschaft mit ihren schnellen Veränderungen der sozialen und ökonomischen Bedingungen nicht mehr erlaubt. Nur im Rückgriff auf das Mittelalter konnte die "Poetisierung der Realität" gelingen. Auch wenn in Sophies Erzählungen weder Fabriken noch Unternehmer oder Arbeiter als Symbole des gesellschaftlichen Wandels auftauchen, wird trotz des zum Teil klischeehaften Figurenpersonals keine "heile Welt" aus ferner Zeit vorgegaukelt.

Sophie Gräfin von Mensdorff-Pouilly 1834, kurz vor ihrem Tod. Gemälde aus dem Schloss KrasnyDvur in Westböhmen, Tschechische Republik. Archiv Radmila Slabáková.
Edmund Frey
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