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Coburg aus dem
"Dintenfas": Gott,
Natur und Vaterland: Gedichte von Heinrich Engelhardt, Johann Adam Koch,
Friederike Koch und Adolf Bube
In
der Lyrik des Coburger Dichters Heinrich Engelhardt (1767-1815) liegen Überschwang
und Zweifel dicht nebeneinander. Der erste Gedichtband von 1809 setzt mit einem
überschwänglichen Hymnus auf die göttliche Schöpfung ein:
"Lobgesang
Schwing dich empor, mein Lobgesang!
Misch dich in Engelchöre!
Von seinen Wundern Lebenslang
Ertön zu Gottes Ehre!
Denn, Alles rühmet seine Macht,
Der dunkle Hayn, der Berge Pracht,
So wie des Meeres Tiefen."
Das
ist ein pathetischer, zutiefst religiös inspirierter Aufschwung. "Erhaben
(Majestoso)" lautet die Vortragsbezeichnung der beiliegenden Vertonung des
Coburger Kapellmeisters Schneider. Heinrich Engelhardt ist von tiefer
Bewunderung der Schöpfung und der "göttlichen Allmacht" erfüllt:
"E
s i s t e i n G ot t . O Seele zweifle nimmer!
Verlaß des Trauerns dunkle Schauernacht,
Sieh! Auf der Morgenröthe goldnen Schimmer
Glänzt seine Pracht."

Der
Kritiker der "Allgemeine Literatur=Zeitung" - eines der führenden Blätter
der damaligen Zeit - lobt Engelhardt: "Am besten gefällt er, wenn sich
seine Empfindung in religiöse Hymnen ergiesst, wo er an Schwung erhabener
Gedanken manchem berühmten sentimentalen Dichter nicht nachsteht." Einige
seiner Gedichte erschienen in Christoph Martin Wielands "Neuem teutschen
Merkur".
Auf
dem Titelblatt seiner ersten Veröffentlichung stellt Heinrich Engelhardt sich
als "Webergeselle" vor; in seiner Vorrede schildert er die Krankheit,
die ihn in seiner Arbeit beeinträchtigt hat und die seinen Bruder hinwegraffte.
Wann hätte jemals ein Lyriker im Vorwort von seiner persönlichen "Drüßengeschwulst"
geschrieben? Auch der Tod der Mutter, diverse Krankheiten der Schwestern und häusliche
Arbeiten bleiben nicht unerwähnt: "Ich war allein - musste Krankenwärter
und Hausmagd seyn. - Die vielen Arbeiten. Kehren - Betten, - Spülen, - Kochen,
- Auslaufen, - wurden meinem Arm wieder sehr nachttheilig." "Nachsicht
beim hochgeehrten Publikum" durfte sich der Autor mit diesem Bekenntnis
erhoffen. Man kann auch proletarisches Selbstbewusstsein heraushören, wenn es
in einem seiner Gedichte heißt, die "Wahrheit" wohne nur in "Hütten",
nicht in "Pallästen".
Im
Jahr 1795 meldete die "Coburger wöchentliche Anzeige", man sei - bei
der Verabschiedung einer Truppe zur Verstärkung der Rheinarmee gegen das
revolutionäre Frankreich - auf einige Gedichte von "unserem genievollen
Engelhardt" gestoßen, die den jungen Soldaten und ihren Angehörigen aus
dem Herzen sprechen würden. Doch Engelhardt war nicht nur ein "vaterländischer"
Dichter. Er rang mit weltanschaulichen Fragen und behandelte ein weites Spektrum
an Themen; ein Dichter, der nach einem Ausgleich zwischen Kopf und Herz sucht.
Engelhardt starb 1815 in Coburg an einem "Nervenfieber" und hinterließ
drei Kinder und eine Witwe, die sich für die Veröffentlichung des Nachlasses
einsetzte. In seiner Heimatstadt blieb er für lange Zeit vergessen.
Johann
Adam Koch und Friederike Koch:
Über
das Leben Johann Adam Kochs (1777-1820) ist wenig bekannt. Im Hessischen
geboren, besuchte er das Coburger Gymnasium, studierte in Jena und lebte ab 1803
als "Ratsaccesist" und städtischer Bauinspektor in Coburg. Er brachte
mehrere Theaterstücke heraus, ehe er sich der Lyrik zuwandte. Seine Hauptwerke
sind die "Poetischen Feierstunden" (1821). Diese Sammlung enthält
auch Beiträge seiner Schwester Friederike Koch. Deren Gedichte seien, laut
Vorwort, auf Wunsch des (inzwischen verstorbenen) Bruders eingefügt (und
namentlich gekennzeichnet) worden. Die Poesie der Geschwister ist überschwänglich.
Freundschaft oder Geschwisterliebe werden mit leidenschaftlich-erotischem
Vokabular beschrieben.
Auch
im Genre des Huldigungsgedichts hat sich Koch geübt: "Dem Durchlauchtigsten Herrn Herzog von Coburg
bei der Zurückkunft in seine Vaterstadt, im Jahre 1807 von Coburgs Töchtern übergeben."
Die erste Strophe bringt zum Ausdruck, wie man eine Stadt nennen darf, die
soeben Residenz geworden ist: "Vaterland".
"Die
Palme grünt, die Friedensfahnen wallen
Sanft über unser liebes Vaterland!
Der Freude heilge Jubelhymnen schallen:
auf Blumen laß uns D i r entgegen wallen,
Mit freudig sehnend ausgestrecker Hand."
Solche
"Kasuallyrik" hat heute nur noch archivarischen Wert. Bei den
Zeitgenossen erfreute sich das Dichterpaar indes großer Beliebtheit: Das
Verzeichnis der Subskribenten umfasst mehrere Seiten, wobei der Herzog mit 10
vorbestellten Exemplaren standesgemäß an der Spitze steht. Zu den Käufern
dieses Gedichtbands hat außerdem ein Großteil des Besitz- und Bildungsbürgertums
gezählt.
Auch der Dichter Adolf Bube (1802-1873) gestaltete historisch-politische Stoffe. Aus seiner Feder stammt etwa das balladenhafte Gedicht: "Herzog Ernst zu Sachsen-Coburg- Gotha an den Ufern des Niemen im Jahre 1807". Der historische Hintergrund: Als Herzog Franz und Herzogin Auguste 1806 nach Saalfeld geflüchtet waren, begann für ihren Sohn, den Erbprinzen Ernst, der sich der preußischen Armee angeschlossen hatte, eine militärische Odyssee. Nachdem er die Schrecken der Schlacht bei Auerstedt miterlebt hatte, gelangte er nach Ostpreußen, wo er in ein schweres "Nervenfieber" verfiel. Um den Kranken vor den Franzosen zu retten, verschiffte man ihn über den Niemen, wo das Boot beinahe im Treibeis versunken wäre, wie es heißt. Historische Themen ließen Adolf Bube nie los. Zur berühmten Sammlung von Gustav von Heeringen ("Thüringen und der Harz mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden", 1841/42) steuerte er zwei recht bemerkenswerte Artikel bei. Unter dem Titel "Neuses und der Callenberg bei Coburg" betreibt Bube ein wenig literarische Landeskunde, indem er an Jean Paul und von Thümmel erinnert, dessen Denkmal er würdigt.

Auch
Adolf Bube reiht sich unter die Panegyriker (die "Fürstenlober") ein.
Zum 8. Geburtstag von Prinz Albert (am 26.8.1827) verfasste er ein Lobgedicht,
in dem er auf einen bedeutenden Herrscher der florentinischen Renaissance
anspielt:
"Wie
dereinst in zarter Jugend
An des Arno Blüthenstrand,
Unter seines Ahnherrn Tugend
Aufgesproßt Lorenzo stand,
Und nach allem Edlen strebte,
Was dem Manne Kränze reicht,
Und ein Leben freudig lebte,
Dessen Krone nie erbleicht:
Also an dem Itzgestade,
An der Doppelliebe Hand
Wandle D u der Jugend Pfade,
Treu dem Edlen zugewandt:
Daß sich Di r im hohen Streben
Heiter bilde Herz und Geist
Zu dem thatenreichsten Leben,
Das noch spät die Nachwelt preis't."
"Fürstliche"
Huldigungen wirken nicht nur in Coburg oft etwas überdimensioniert und
peinlich.

Friedrich
Mihm. LBC, Ze-226 (1966).
Mihm,
der vergessene Sagenerzähler aus Coburg, lebte ein Leben auf der
"Schattenseite": Als Sohn eines armen Hofmusikanten in Coburg geboren,
besuchte er das Casimirianum und dann die Universität Jena zum
Theologiestudium, das er jedoch ohne Abschluss beendete. In seiner Heimatstadt
lebte er dann sehr dürftig (als Untermieter in der Steingasse 10), indem er
sich als Privatlehrer durchschlug. Nur ein Teil der Sagen, die er bei seinen
Wanderungen im Coburger Umland gesammelt hatte, fanden einen Verleger (obwohl
sich Ludwig Bechstein im "Coburger Tagblatt" vom 27.11.1864 überaus
positiv geäußert hatte). Die Widmung einer geplanten Gesamtausgabe seiner
Sagen an Herzog Ernst II. hatte nicht den gewünschten Erfolg. Vergeblich
versuchte er ein Journal zu gründen ("Coburger Volksfreund"); ein
Roman blieb Manuskript ("Der Fuchs von Coburg") (35). Ein armer
Gelehrter, der mit fremden Stimmen redet um eine bessere Vergangenheit
wiederaufleben zu lassen - das ist wahrlich anachronistisch, d. h. dem Gang der
Zeit zuwiderlaufend.
Reinhard Heinritz/ Bearbeiter: Edmund Frey
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