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Coburg aus dem "Dintenfas":

"Ihr Opfer und Ihre Geliebte!" - Pauline Panam oder: Hoheit auf dem Balkon 

Pauline hat sich in ihren "Memoiren" jünger gemacht: Dort schreibt sie, dass sie noch "keine 14 Jahre" alt war, als sie Ernst zum ersten Mal 1807 in Paris begegnete. Nach dem Taufzeugnis von Montpellier ist Pauline 1789 geboren, nicht 1793, wie es ihr Buch nahe legt. Ernst lädt Pauline nach Coburg ein und diese wohnt vor allem auf der Domäne in Oeslau. Im März 1809 wird in Frankfurt der gemeinsame Sohn Ernst August geboren, der 1832 als Ritter von Hallenberg von Ernst spät geadelt in Paris starb. 1823 erschienen gleichzeitig in Paris und London ihre "Memoiren einer jungen Griechin", in denen sie ihre Beziehung zu Ernst und dessen "verbrecherisches" Verhalten ihr und dem gemeinsamen Sohn gegenüber aus ihrer Sicht schildert. Am 21. Juni 1840 starb Pauline in Paris und wurde auf dem Friedhof Montmartre begraben. Das Grab existiert nicht mehr. In den Registern des Friedhofes steht: "Pauline-Adélaide Panam, célibataire". Also gab es wohl doch kein spätes Glück mit einem reichen Fürsten, wie es in manchen Berichten heißt: Pauline starb "unverheiratet".

Pauline Panam und Ernst August, der gemeinsame Sohn mit Herzog Ernst I. Stich aus der französischen Erstausgabe, 1823. Privatbesitz. 

"Memoiren einer jungen Griechin": Ein Machwerk? Ein Pamphlet? Eine Anklageschrift?  

Das Buch kann unter vielen Aspekten betrachtet werden. Fest steht, dass die Veröffentlichung ein Skandal und Politikum war, da es nicht allgemein die "verkommenen" Sitten und die Moral der Mächtigen beschrieb, sondern reale Namen und Orte nannte und damit die Bedingung eines Skandals erfüllte, nämlich Personalisierung - verbunden mit einer Dramatisierung der Tatsachen. Dies war nur im Schutze der Pressefreiheit in Frankreich und England möglich. Das Verbot des Buches in Deutschland war kein Schutz vor Verbreitung. Auch die Besprechung, die im Mai 1823 in Carl Bertuchs "Journal" in Weimar erschien, trug zur allgemeinen Bekanntheit des Buches bei, obwohl der anonyme Rezensent (Goethe oder Heinrich Carl Peucer werden genannt) die Verfasserin scharf attackiert: Pauline Panam habe "den Kopf nur voll von Idealen" und verletze daher die "Regeln eines schicklichen Benehmens gegen Personen der höheren Stände" mit ihren Handlungen "keck" und "schamlos". Sie sei "ein eitles, argwöhnisches, eigensinniges, unbeständiges, rachsüchtiges Weib", das man "hassen muss." 

Herzog Ernst I. Titelblatt der Erstausgabe der Memoiren Pauline Panams. 1823. Privatbesitz. 

Zwei Lesarten der Memoiren:  

Ein spannend geschriebenes Buch, eine Anklageschrift voller Pathos: Der  vergebliche   Kampf   der  "Unschuld"  gegen den "Unhold", der sie missbraucht, betrügt und töten will, mitreißend und zu Tränen rührend, also ein "Roman", der in die hochromantische Zeit seiner Entstehung passt.

Die "Memoiren" als Tatsachenroman zu lesen - mehr Roman als Tatsache - ist eine Möglichkeit der Rezeption. Doch das Vorwort des Fürsten von Ligne legt eine zweite, politischere Lesart nahe: Die Schauplätze, an denen diese Handlung spielt, sind das nachrevolutionäre  Frankreich und das immer noch absolutistisch regierte Deutschland mit seinen Dutzenden von Duodezfürstentümern, in denen nach wie vor versucht wird, "Versailles" und das "Sonnenkönigtum" zu imitieren.
 

Rat des Fürsten von Ligne: 

Ligne stellt in einem Antwortschreiben an Pauline historisch richtig fest, dass das Verhalten des Herzogs für dessen Stand keine Ausnahme darstellt, wenn man die Zeit vor der Französischen Revolution zum Maßstab nimmt. Weder Mätressen noch Ehebruch waren, soweit es den "männlichen" Herrscher betrifft, gesellschaftlich geächtet. Doch so sehr das Verhalten des Herzogs auch seinem Stand entspricht, so wenig entspricht dieses Verhalten der "neuen Zeit" mit ihren Gedanken der Beschränkung der Macht des absoluten Herrschers und der Stärkung der Rechte des Bürgers in einem "Augenblick, wo das ganze Europa sich mit Reformen beschäftigt". 

Pauline Panam ist ein Kind der neuen Zeit, im Unterschied zum Beispiel zu der späteren Geliebten des Herzogs, Sophie Fermepin, die sich - ausweislich der Akten im Staatsarchiv Coburg - nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Bertha völlig konventionell verhalten hat. 

Skandal mit europäischen Dimensionen und Coburger "Unruhen": 

1823 wurden die "Memoiren einer jungen Griechin" veröffentlicht und Europa erfuhr "alles", wie es der Fürst von Ligne vorgeschlagen hatte. Ernst wandte sich an Fürst Metternich und bat darum, dass Österreich gemeinsam mit Preußen und Russland in Frankreich interveniert, um ein Verbot des Buches zu erreichen. Im April 1823 schrieb Ernst persönlich an den französischen König Ludwig XVI. und bat als Souverän eines selbstständigen und mit Frankreich verbündeten Landes um das Eingreifen des Monarchen. Ernst sah in den "Memoiren" nicht nur eine persönliche Herabsetzung, sondern einen Angriff auf alle Souveräne, eine staatsgefährdende und "revolutionär-liberale" Attacke. 

Luise verlässt Ernst I.: 

Ähnlich argumentierte Ernst I., als 1824, auch ausgelöst durch die Panam-Affäre, seine Ehe mit Luise scheiterte und aufgebrachte Coburgerinnen und Coburger vor die Ehrenburg zogen und eine Versöhnung des Paares erzwingen wollten. Im September 1824 schrieb er an Metternich von "Szenen, die einem wahren Aufstand ähnlich waren", wodurch "meine häusliche Ruhe und Glück gestört und meine ehelichen Verhältnisse aufgelöst worden."  

Schloss Rosenau. Hier empfing Ernst Pauline zum nächtlichen "Fensterln" auf dem Balkon. Max Brückner, 1857. LBC, 57, 1844.

Pressefreiheit: 

Beauftragte des Herzogs haben 1823 versucht, die gesamte Auflage der "Memoiren" in Paris aufzukaufen. In Frankreich und in England konnte das Buch aufgrund der dort garantierten Pressefreiheit weiter vertrieben werden; die Pressefreiheit war jedoch eine Errungenschaft, die das übrige Europa nicht kannte. Dem Antrag Ernst I., die "Memoiren" in Deutschland zu verbieten, hat der Bundestag in Frankfurt stattgegeben. Panams Buch soll das erste in Deutschland verbotene Buch gewesen sein. Carl Eduard Vehse (1802-1870), Historiker, Archivar und Publizist in Meiningen, überzeugter Demokrat und Republikaner, war der "Geschichtsschreiber der Höfe", den der Fürst von Ligne in seinem Brief an Pauline sich wünschte. Vehse war der Verfasser einer 48-bändigen Reihe "Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation"; im Band über die "Höfe in Thüringen" (1852) bringt er längere Auszüge aus den Panam-Memoiren. Vehse blickt nicht aus der devoten Perspektive des ehrerbietigen Untertans auf die höfische Gesellschaft. Er beschreibt, wie die "Landesväter aussahen, wenn sie nicht hoch zu Ross als Denkmäler auf dem Marktplatz standen." 

Jedes Exemplar der französischen Erstausgabe wurde von der Autorin signiert. 1823. Privatbesitz.

Bei "Herzogs unterm Sofa":

Zu zeigen, dass es auch bei "Herzogs" nicht anders aussieht als "bei Hempels unterm Sofa", hat etwas eindeutig Subversives, solange die Herzöge für sich in Anspruch nehmen, "absolutistisch" und "ohne Fehl und Tadel" zu sein. Heute sind diese Blicke durchs Schlüsselloch bei den Nachkommen früherer Adelsfamilien so öde und ohne jeden politisch-aufklärerischen Hintergrund wie der Blick durchs Schlüsselloch bei anderen "Promis".

Edmund Frey

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