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Coburg aus dem "Dintenfas":

Und wo bleibt die Darstellung der „Coburger Literatur" während der Herrschaft der Nazis?

Rathaus Coburg als erstes deutsches Amtsgebäude am 18. Januar 1931 mit Hakenkreuzfahne. SSC, VzU 01-3.

Die Zäsur bei der Wende zum 20. Jahrhundert mag willkürlich erscheinen, aber dieses gewalttätige Jahrhundert mit seinen zerstörten Hoffnungen bedarf einer eigenen Betrachtung. Dies ist auch eine Reaktion auf den „Zivilisationsbruch", von dessen Auswirkungen zum Beispiel André Kaminski nach einer Lesung in der Stadtbücherei Coburg 1987 (Schalom allerseits: Tagebuch einer Deutschlandreise, 1987) schrieb:

„Die ganze Stadt sieht aus wie ein verzuckertes Kurhaus. Ich weiß nicht, ob je Bomben auf diese Stadt gefallen sind, aber die Einwohner müssen überlebt haben. […] In Coburg gibt es eine Judengasse und ein Judentor. Nur Juden gibt es nicht. Was ist aus ihnen geworden, möchte ich wissen. Es gibt so viele alte Leute hier. Warum sind die Juden so früh gestorben? […] Heute abend lese ich in der Stadtbibliothek aus meinem Roman, aus meiner jüdischen Familiensaga. Wer weiß, ob man mich verstehen wird. Ob überhaupt einer da sein wird, der mir erklären kann, wo die Coburger Juden stecken. Ich bin sehr neugierig. […] Meine Lesung ist, wie man so sagt, ein eindeutiger Erfolg. Wenn man eindeutig sagt, meint man zweideutig, und so ist es auch. […] Es sind zu viele Greise gekommen, die ihre Schuldgefühle mitbringen. Solche, die an den Naziverbrechen mittel- oder unmittelbar beteiligt waren. In der Diskussion sage ich dummerweise, die Vendettamentalität zwischen Juden und Deutschen hätte zu lange gedauert. ‚Wenn wir nicht aufhören‘, rufe ich, ‚steht der nächste Holocaust vor der Tür.‘ Da erhebt sich der halbe Saal und applaudiert stürmisch. Etwas zu lang, denke ich, und zu schön, um wahr zu sein. Da steht einer auf, etwa 40 Jahre alt, und brüllt den Leuten entgegen: ‚Schweigt endlich, ihr Lumpengesindel! Herr Kaminski hat das Recht, das Ende der Blutrache zu wünschen. Der Faschistenpöbel jedoch, der nicht eifrig genug am Judenmord teilnehmen konnte, soll sich verkriechen!‘ […] Es wird totenstill im Saal. Die Diskussion versandet. Ich sehe die Spitze eines Eisbergs. Es ist entsetzlich."

Schloss Callenberg, der Sommeraufenthalt des ehemaligen Herzogs von Coburg, Carl Eduard. Ein hölzernes Hakenkreuz auf dem Turm unterstreicht dessen Gesinnung. Aus: Coburg. Städte der bayerischen Ostmark. Hg. von der Stadt Coburg. Bayreuth: 1938.


In diesen Vitrinen liegt eine unkommentierte Mischung aus nationalistischer und nazistischer, aber auch antinazistischer Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Ausstellungsmacher dieser Ausstellung hofft, dass nicht nur er daran interessiert ist, dieses Kapitel „Coburger Literatur und der Nationalsozialismus" zu erkunden und zu publizieren. Sollten Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher, mitarbeiten wollen, freue ich mich über Ihren Anruf oder Ihre E-Mail.


Edmund Frey

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