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Coburg aus dem "Dintenfas":
Johann Matthäus Meyfart (1590 - 1642): Schulmann, Bußprediger und Zeitkritiker

Johann
Matthäus Meyfart. Porträt von Johann Dürr, 1634.
Johann
Matthäus Meyfart ist am 9. November 1590 in Jena geboren und 51jährig in
Erfurt am 26. Januar 1642 verstorben. Schulbesuch in Gotha und Studium an der
"Artistenfakultät" in Jena: Magisterprüfung 1611. Danach Studium
der Theologie in Jena und Wittenberg. Ab 1617 Professor für Theologie am
Gymnasium Casimirianum in Coburg. 1623 bis 1633 Direktor des Casimirianums.
Danach Professor an der protestantischen Universität Erfurt und nach der
erneuten Übernahme der Macht durch den Erzbischof von Mainz oberster
evangelischer Geistlicher im Erfurter Kirchengebiet. Die Coburger Jahre von 1617
bis 1633 waren die entscheidenden in Meyfarts literarischem Schaffen. Hier
entstand nahezu sein gesamtes, umfangreiches Werk. Von 1618 an - Meyfart war 28
Jahre - wütete für den Rest seines Lebens der Dreißigjährige Krieg. Hunger,
Seuchen und Tod waren - auch in seinem persönlichen Umfeld - hinfort ständige
Begleiter. Denn das Coburger Land und die Stadt waren seit 1622 immer wieder von
kaiserlichen Truppendurchzügen betroffen, von Einquartierungen und hohen
Kontributionen. Coburg hungerte; Mangelerkrankungen und eingeschleppte Seuchen
machten sich breit; 1630 war es die Pest.
Meyfart
reagierte auf die Not lebenspraktisch mit der Einrichtung eines Schweinestalls für
das Casimirianum. Damit erregte er Anstoß bei seinem Vorgesetzten, dem
Generalsuperintendenten Caspar Finck (1578-1631). Der lebenslange Raubbau an
seiner Gesundheit führte um 1640 zum Ausbruch eines schweren Leidens, an dem er
1642 starb.
Coburg
- ein kulturelles Zentrum:
Coburg und die dort verbrachten Jahre waren für Meyfart und sein Werk prägend gewesen. Denn diese Stadt lag als Folge der Reformation an der spannungsreichen Nahtstelle zweier konfessionell bedingter Kulturkreise, eines süddeutsch-katholischen und eines norddeutsch-protestantischen. Den einen kennzeichnete die Gegenreformation, die ihren literarischen Niederschlag u.a. im lateinischen Jesuitendrama, in einer zur Kanzel gewordenen Bühne, fand; die andere entwickelte eine für die geistige Bildungselite bestimmte Kunstdichtung in deutscher Sprache. Deren Vertreter - Martin Opitz (1597-1639), Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658), Paul Fleming (1609-1640), Andreas Gryphius (1616-1664), die alle zu Lebzeiten Meyfarts publizierten - formten erst eine deutsche Literatursprache; damit stehen sie am Beginn der neueren deutschen Literatur. Als kulturelle Zentren waren an die Stelle der Reichsstädte im 17. Jahrhundert kleine Fürstenhöfe getreten, wo akademisch gebildete Beamte und höher kultivierter Adel zusammen mit Professoren, Studenten, Pfarrern und einem Teil der Städter die Träger des kulturellen Aufbruchs bildeten. Geradezu idealtypisch traf dies auf Coburg zu.

Ein
Mahner zur Umkehr:
Meyfart
bediente sich souverän der deutschen wie der lateinischen Sprache. In Latein
wandte er sich an Professoren und Studenten, während er bei seinen deutschen
Schriften einen breiten Leserkreis, auch Frauen, im Blick hatte. Auf Wunsch
seiner Hörer beförderte er seine ohnedies bis ins Einzelne ausgearbeiteten
Mittwoch-Predigten in St. Moriz 1625 erstmals zum Druck. In diesen
Werktagspredigten war Meyfart nicht an Bibeltexte gebunden, die den sonntäglichen
Kanzelreden zugrunde zu liegen hatten (Perikopen), sondern er konnte Texte nach
seiner Neigung wählen. Die Geschichte des Propheten Jona und Ninives (des dem
großen Fisch Entkommenen, der seiner Stadt den Untergang predigte und sie damit
zur rettenden Buße bewegte) transponierte er in die Gegenwart; eindringlich
warnt er aus tiefer persönlicher Besorgnis:
"Wo
diese drey Stück [Gottesfurcht, Gerechtigkeit, vernünftige Disziplin und Mäßigkeit,
d. Verf.] in einem Volck überschritten werden / so muß Gott kommen / vnd alles
über ein Hauffen werffen. Wir haben die rechte Religion / wer achtet sie; Wir hören
täglich von der Gerechtigkeit / wer thut sie; Wir reden vnd sagen von vernünfftiger
disciplin vnd Messigkeit / wer helt sie? Vnd ist wol zu mercken / daß diese
drey Stück von einem jeden in acht genommen werden sollen. Da examinire nun ein
jeder sein Leben / vnd sehe / ob er alles halte?"
Ein Jahr später 1626 veröffentlichte Meyfart einen weiteren Predigtzyklus: "Tuba novissima [Posaune des Jüngsten Gerichts]. Das ist von den vier letzten Dingen des Menschen." Gemeint sind Tod, Jüngstes Gericht, Himmel und Hölle. Mit diesen aufrüttelnden Predigten hatte Meyfart sein Thema gefunden. Gewiss unterschied er sich damit nicht von anderen Predigern seiner Zeit. Allerdings vermied er im Gegensatz zu diesen jegliche Polemik, jegliche Schelte, um nicht vom Eigentlichen abzulenken. Was ihn einzigartig machte, war eine natürliche sprachliche Durchformung, waren zahlreiche rhetorische Glanzlichter mit einer Häufung von Antithesen, mehrgliedrigen Parallelismen und sich steigernden Perioden, Merkmale, die sein ganzes Werk bestimmen.

Eigenhändiger
Eintrag Meyfarts. Widmung. LBC, Cas A 4429
Der
Zeitkritiker - im Kampf gegen Hexenprozesse:
Nicht
die bisher genannten Schriften (mit Ausnahme seines Jerusalem-Liedes) waren es
aber, weswegen Johann Matthäus Meyfart weit über seine Lebenszeit hinaus im
Gedächtnis blieb. Dies verdankt er vielmehr seiner mutigen Zeitkritik. Einen
Namen hat er sich vor allem mit seinem Traktat gegen die Hexenprozesse gemacht -
in der (absichtlich?) mehr verschleiernden als präzisierenden barocken Titelei:
"Christliche Erinnerung / An Gewaltige Regenten / vnd Gewissenhaffte
Praedicanten / wie das abschewliche Laster der Hexerey mit Ernst auszurotten /
aber in Verfolgung desselbigen auff Cantzeln vnd in Gerichtsheusern sehr
bescheidentlich zu handeln sey" (verlegt in Erfurt, gedruckt in
Schleusingen 1635) -, mit einer Schrift von heute wieder beklemmender Aktualität.
Entstanden war sie noch in Coburg unter dem Eindruck der "Cautio criminalis" (Rinteln 1631) des Jesuiten Friedrich von Spee. Doch während dieser in Latein schrieb und anonym blieb, veröffentlichte Meyfart unter vollem Namen und für jedermann verständlich in Deutsch. Was dies bei der Hexen-Hysterie seiner Zeit an Mut und Zivilcourage bedeutete, ist heute nicht mehr zu ermessen.

In
seiner Fülle an Argumenten, Beispielen und Belegen ist der Traktat Meyfarts in
der Kürze auch nicht annähernd auszuschöpfen. Systematisch setzt er sich mit
allen auseinander, die aktiv und passiv an den Hexenprozessen beteiligt sind. Er
analysiert die menschlichen Schwächen, die Irrtümer, die logischen Zirkelschlüsse
usw., um schließlich Empfehlungen auszusprechen, wo der Einzelne sich zu ändern
hat, wo das Prozessverfahren reformiert werden muss. Auch die Fürsten nimmt er
von seiner massiven Kritik nicht aus, die Mitverantwortung an den Missständen
trügen. Traf doch gerade auf den ungenannt bleibenden Herzog Johann Casimir die
Beobachtung zu:
"Ist
der ungerecht Eyferer ein Regent / müssen die ordentlichen Gerichte verstöret
/ der Lauff des Rechten gehemmet / die Gewissenhafften officianten angeschnarcht
/ mit Zorn angeschnaubet / mit Hitz angefahren / mit Trotzzetteln angefallen
werden [...]"
Rainer Hambrecht/ Bearbeiter: Edmund Frey
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