[Zurück zu unserer Startseite]     [Startseite "Dintenfas"]

Coburg aus dem "Dintenfas":

Ein Workaholic in sicheren Mauern: Martin Luther in Coburg (1530)

 

Offenkundig fehlte es Luther auf der Veste Coburg an nichts: Bücher, Bier ... 
Holzstich nach Zeichnungen von G. Arthur von Mensdorff-Pouilly und
Gustav Sundblad. 
Aus: Friedrich Hofmann: Geisterspuk oder Das große
Umgehen auf der Veste Koburg ; fröhliches Heldengedicht in fünfzehn Stücklein, 1877. LBC, VV 1/7a.

Martin Luther (1483-1546) traf am Nachmittag des Karfreitags (15. April) 1530 mit dem Tross Kurfürst Johanns des Beständigen (1468-1532, reg. 1525-1532) in Coburg ein. Das war nicht sein erster Besuch in Coburg. Zum ersten Mal war der Reformator als Mönch seines Ordens vermutlich auf seiner Reise nach Rom im Herbst (Mitte November) 1510 durch Coburg gekommen, ebenso auf der Rückreise im Frühjahr (Anfang April) 1511. Als Quartier zur Übernachtung bot sich jeweils das Franziskanerkloster an, das an der Stelle des heutigen Stadtschlosses, der Ehrenburg, stand.

Anlass seines letzten Aufenthaltes in Coburg, der fünfeinhalb Monate dauerte, war der Reichstag zu Augsburg. Luther, der aufgrund der Beschlüsse des Reichstags von Worms (1521) noch immer unter Reichsacht stand, sollte nach Kurfürst Johanns Vorstellung in der freien Reichsstadt Nürnberg Quartier nehmen, um den Verhandlungen in Augsburg möglichst nahe zu sein. Doch Nürnberg lehnte ab, um sich gegenüber Kaiser Karl V. (1500-1558) nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Somit war klar, dass der Reformator in der südlichsten Bastion des Kurfürstentums würde bleiben müssen: in Coburg. Über eine Woche verbrachte Luther zunächst noch in der Stadt.

Bevor der kurfürstliche Tross am 24. April nach Augsburg aufbrach, begab sich Martin Luther bereits in den ersten Morgenstunden, früh um vier Uhr, auf das "Schloss" - die heutige Veste - und bezog dort bis Anfang Oktober Quartier. Er war in Begleitung seines Sekretärs Magister Veit Dietrich (1506-1549) und von Cyriacus Kaufmann, seinem jungen Neffen. Um seinen Aufenthaltsort zu tarnen, umschrieb er ihn auf unterschiedlichste Weise, z.B. "Gruboc" oder "Gruboco", "Aus der Einöde", "Aus den Wüsten", "Aus dem Reich der Vögel", "Aus dem Reich der Dohlen" bzw. "Aus dem Reichstag der Dohlen". Seinen Wohnbereich hat Luther gegenüber Melanchthon geschildert: "Der Ort ist sehr hübsch und sehr bequem zum Studieren [...] Es fehlt nichts zu unserer Abgeschiedenheit. Nämlich jenes große Haus, das auf [dem Schloss] hervorragt, ist gänzlich unser und wir haben die Schlüssel zu allen Gemächern bekommen."

Die wichtigsten Kontakte mit den Freunden in Augsburg und den Bekannten in ganz Deutschland pflegte er mittels zahlreicher Briefe. Es liegen ca. 105 Briefe vom "Schloss" vor; da gelegentlich erwähnt wird, dass einige verloren gegangen seien, dürften es noch mehr gewesen sein. In knapp fünfeinhalb Monaten eine überaus beachtliche Zahl! Außer zahlreichen Briefen an die Freunde in Augsburg, die er immer wieder tröstete und aufmunterte, sind Schreiben an seine Frau Katharina in Wittenberg und an mancherlei Bekannte überliefert - inhaltsreich und geistvoll. 

Briefbeispiel: Die "Lutherrose"

In einem Brief am 8. Juli an den Ratsschreiber Lazarus Spengler (1479-1534) in Nürnberg hat Luther sein Siegel, die "Lutherrose", entsprechend seiner Theologie von der Gnade Gottes allein aus dem Glauben gedeutet:

"Das erst sollt ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, daß der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen gläubet, wird man gerecht. [...] Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt und kurz in eine weiße, fröhliche Rosen setzt, nicht wie die Welt Fried und Freude gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein [...]. Solche Rose stehet im himmelfarben Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freuden zukünftig [...]."

Die Lutherrose



Luthers Coburger Schriften:

"Ein Sermon oder eine Predigt, daß man Kinder zur Schule halten solle"

Luther ermahnt in dieser Schrift die evangelischen Deutschen dazu, ihre Kinder auf Schulen zu schicken und widmete diese "Predigt" Lazarus Spengler zu Nürnberg, dem er sie unter dem 24. August zukommen ließ. Der Reformator hebt dabei die Bedeutung des "Schulmeisters", des Lehrers, für die Erziehung besonders hervor:

"Dies sage ich in aller Kürze: Einen fleißigen, ehrbaren Schulmeister oder Magister, oder wer es ist, der Knaben treulich erzieht und lehrt, den kann man niemals genug belohnen und mit keinem Geld bezahlen, wie auch der Heide Aristoteles sagt. Dennoch wird's bei uns so schändlich verachtet, als sei es gar nichts, und sie wollen dennoch Christen sein. Aber ich, wenn ich vom Predigtamt und anderen Dingen lassen könnte oder müßte, so wollte ich kein Amt lieber haben, als Schulmeister oder Knabenlehrer zu sein. Denn ich weiß, daß dieser Beruf nächst dem Predigtamt der allernützlichste, wichtigste und beste ist."

"Sendbrief vom Dolmetschen und Fürbitte der Heiligen"

Vermutlich Luthers bekanntestes Coburger Werk. Das Manuskript dieses Sendbriefes ließ der Reformator am 12. September 1530 an seinen Freund Wenzeslaus Link (1483-1547) in Nürnberg gehen, der es an Georg Rottmaier, Nürnberger Buchhändler und Buchdrucker, zur Drucklegung weiterleiten sollte. Es enthält eine Kritik des "Anrufen[s] der Heiligen", weil dadurch das "Anrufen Christi" verdrängt werde. Luthers Rechenschaft über die Art und Weise seiner Bibelübersetzung wird besonders häufig zitiert: "Man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden solle, wie's diese Esel tun, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den einfachen Mann auf dem Markt danach fragen und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach übersetzen; da verstehen sie es dann und merken, dass man deutsch mit ihnen redet."

Die Bibelübersetzung Luthers wird oft als der Beginn der deutschen Hochsprache bezeichnet - zumindest als eines "ihrer bedeutendsten und verbreitetsten Dokumente, durch das er vollends zum einflussreichsten Schriftsteller deutscher Zunge wurde." Viele Ausdrücke aus Luthers Bibel wurden zum Gemeingut deutscher Sprache. So hat er wesentlich zur Entwicklung der deutschen Schrift- und Umgangssprache beigetragen - kam es dem Reformator doch auf eines an: "Denn ich habe deutsch, nicht lateinisch noch griechisch reden wollen, da ich beim Übersetzen mir vorgenommen hatte, deutsch zu reden." 

Argula von Grumbach besucht Luther:

Auch häufiges Unwohlsein, Krankheit und zahlreiche Besuche konnten den Reformator von seinem Arbeitsprogramm nicht abhalten. Zudem bekam er zeitweise mehr Besuch als ihm lieb war: "Die Wallfahrt will zu groß werden hierher." Beeindruckt war er dennoch von Argula von Grumbach, geborene Stauffen, die ihn am 2. Juni aufsuchte. Sie war eine für ihre Zeit außergewöhnlich engagierte und gebildete Frau: "Sie schilderte den herrlichen Pomp, mit welchem der Herzog von Bayern den Kaiser in München empfangen habe, auch gab sie gute Ratschläge für das Entwöhnen von Luthers jüngstem Kinde." Ihren Besuch ließ Luther noch am selben Tag Melanchthon wissen; seine Ehefrau Käthe informierte er wenige Tage später.

Argula von Grumbach


Am 1. Oktober traf Kurfürst Johann der Beständige mit seinem Gefolge und mit ihm die Theologen, Luthers Freunde, in Coburg ein. Luther war sehr froh darüber, dass der Kurfürst der "Augsburger Hölle" entronnen war. Luther predigte ein letztes Mal in Coburg und am 4. Oktober wurde "nach dem Morgenmahl" die Heimreise über "Neustadt auf der Heyde" (Neustadt/Cob.) angetreten. Von dort aus verfasste Luther noch einen Brief an den Coburger Pfarrer Johannes Fesel an Heiligkreuz, wobei er besonders des Kastners Paul Bader und Hans von Sternbergs gedachte, die Hauptverantwortlichen für seine Person während seines Aufenthaltes auf dem "Schloss". Luther blieb mit manchen Coburgern in brieflicher Verbindung, kirchliche (Personal-)Probleme dieser Stadt beschäftigten ihn weiterhin. Sein Lebensweg führte jedoch nicht mehr nach Coburg zurück.

Rainer Axmann/ Bearbeiter: Edmund Frey

[Zurück zu unserer Startseite]     [Startseite "Dintenfas"]

© 2006 Landesbibliothek Coburg, alle Rechte vorbehalten