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Coburg aus dem "Dintenfas":
"Frembde
Lande zu durchreysen": J.G. Aldenburgk und M. Schubart
Johann Gregorius Aldenburgk, 1602 (?) in Coburg geboren, besuchte das Casimirianum und absolvierte ein Studium in Jena. Von ihm ist keine Abbildung überliefert. 1623 bricht er von Coburg aus auf zu seiner "West=Indianischen Reise" - so auch der Titel seines 1627 erstmals in Coburg gedruckten Reiseberichtes. Aldenburgk fuhr als Soldat in niederländischen Diensten mit der Flotte von Admiral Willeken nach Brasilien. Dessen Auftrag war, den Einfluss der holländischen Handelsgesellschaft in Südamerika zu sichern und zu erweitern. Nach der Eroberung der Stadt Bahia wurde er durch eine spanische Flotte zur Aufgabe gezwungen. Die Verlierer gerieten in Gefangenschaft, doch das Schiff, auf dem sich Aldenburgk befand, wurde durch einen Sturm von der Flotte getrennt. So entkam er und gelangte unbehelligt nach Europa. Dort trat er 1626 in dänische Dienste ein und kehrte vier Monate später in seine Heimatstadt Coburg zurück. - Unterwegs geriet er in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, der mit unverminderter Härte andauerte.

"Kannibalen"
in Brasilien:
Aldenburgk
beschreibt das Land und seine Bewohner: "Dieses
Volck / nur etwas zu berühren / genennet die Brasilianer / Indianer / Wilden /
Cannibales oder Carribes, ist ungestalt / mehret sich wie das unvernünfftige
Vieh / glaubte wenig an Gott / achtet Auß= und Innländischer nichts / betet
den Teuffel an / hat die Form eines menschlichen Bildes / gehet splitternacket
einher [...] bekriegen einander mit langen Bögen von Brasilischen Holtz / und
Pfeilen [...] an einem Ende ist ein Stachel von Indianischen Holtz / wiederhäckigt
/ also vergifftet / daß einer / wo er damit geschossen wird / bald darauff
verstirbet / fressen die Menschen [...]."
Besonders der letzte Punkt - das "Menschenfressen" - hat vermutlich die Zeitgenossen besonders fasziniert. Ein Phänomen, das bis in die heutige Zeit - man denke an die Berichterstattung nicht nur der Boulevardpresse über den "Kannibalen von Rottenburg" - offenkundig andauert. Ob es in den eroberten und kolonialisierten Gebieten tatsächlich "Kannibalismus" gegeben hat oder ob sich dies auf eine Form von "rituellem Kannibalismus", also den Verzehr getöteter "Feinde", beschränkte, ist in der Forschung umstritten. Aldenburgk und andere Autoren der Frühen Neuzeit - und damit wohl auch deren Leser - waren davon überzeugt.

Kannibalische
Szene, offenkundig nach einem Kampf. Aus: Jean de Léry: Schiffart in Brasilien
und America, 1593. LBC, Cas A 685.
Johann
Wilhelm Vogel (1657-1723):
Reiseberichte waren häufig Quellen für natur- und völ-kerkundliche Forschungen. Hinzu kamen politische und wirtschaftliche Interessen. Hier ist besonders die "West- und Ostindische Gesellschaft" zu nennen, die die ökonomische Ausbeutung des Fernen Ostens betrieb. Die Nachfrage nach geographischen und völkerkundlichen Kenntnissen wuchs und damit auch der Markt für Reisebeschreibungen "exotischer" Länder. Reiseberichte sind bemerkenswerte Quellen für die Kolonialisierung und Ausbeutung der bereisten und eroberten Länder. Johann Wilhelm Vogel (1657-1723) aus Gotha, später Kammerschreiber in Coburg, nennt als Motiv seiner Reisen in der Einleitung zu seiner "Ost=Indianischen Reise=Beschreibung" die "Begierde frembde Länder und in selbigen GOttes wunderbarliche Allmacht an allerhand Gewächsen, Früchten und Thieren zu betrachten, einfolglich auch anderer Völcker Sitten und Gebräuche zu erkundigen".

Der Kampf
gegen die Eroberer. Titelkupfer aus Vogels Reisebeschreibung von 1716. LBC, Cas
A 4537#1.
Michael
Schubart: "Kurtze Erzehlung" (1708):
Dieser
autobiographische Bericht handelt nicht von Kolonialkriegen, sondern von den
teils unglücklichen, teils grotesk-komischen Wechselfällen, die dem Autor bei
seinen Reisen in Europa zugestoßen sind. Was seine Reisemotive betrifft, so
schweigt sich Schubart, der 1648 in Altenburg in einfachen Verhältnissen
geboren wurde, weitgehend aus. Wenn er seinen
Aufbruch als 15-jähriger als eine "Ausflucht" bezeichnet, so
deutet dies weniger auf einen Forscherdrang als auf den Versuch, der Enge der
sozialen Verhältnisse zu entkommen. Beim
Lesen der Reiseschilderung entsteht der
Eindruck eines
"Springinsfelds", der die Gelegenheiten ergriff, wie sie sich ihm
gerade boten. Seine Dienste stellte er wechselnden Herren zur Verfügung. Während
seiner ersten, achtjährigen Reise (ab 1663) ging er unter General Wrangel zunächst
nach Stockholm, brachte dann ein Jahr in Kopenhagen zu und gelangte nach Breslau
(als Kammerdiener des Barons von Maltzan). Nach kurzem Aufenthalt in Altenberg
brach er erneut zu einer mehrjährigen Reise auf, die ihn nach Frankreich,
Spanien und Italien führte. Nach seiner Rückkehr hielt er sich zunächst im thüringischen
Römhild bei Herzog Heinrich auf und ließ sich dann in Coburg nieder. Dort
heiratete er, wurde bald Hausbesitzer
und fand später als Fähnrich Erwähnung.
In seinen letzten Jahren soll er bei einem Handgemenge einen Kammerdiener
erstochen haben. Man verhängte einen Landesverweis über ihn, der wohl später
wieder aufgehoben wurde.
Im Vordergrund seines Berichtes stehen nicht "frembde Länder und Sitten", sondern die Begebenheiten, die dem Autor zufällig zugestoßen sind. Besonderen Unterhaltungswert haben die bizarren Missgeschicke, die dem Autor unterlaufen. Schubart scheint sich in der Rolle des armen Schluckers und Pechvogels zu gefallen. Das liest sich streckenweise wie ein spanischer Schelmenroman nach dem Muster des "Lazarillo de Tormes" (1554): Der "Schelm", der "picaro" ist ein Anti-Held, ein Habenichts, der sich durch Gerissenheit sowie durch Skrupellosigkeit durchs Leben schlagen muss. Die "Kurtze Erzehlung" ist vor allem als zeitgeschichtliches Dokument bemerkenswert. Am Ende steht eine "unbeschreiblich schöne / kostbare / und bey Menschen gedencken in Coburg nie dergleichen gesehene Masquerade und Auffzüge mit Triumph=Wägen / den andern Jul. erst erwehnten 1700. Jahres / gehalten [...]".

Michael
Schubart. Porträt aus seiner "Kurtzen Erzehlung" von 1708. LBC, Q
58,29.
Aldenburgk
und Schubart:
Für
Johann Georg Aldenburgk stellte die überseeische Fremde ein durchaus
ernsthaftes Thema dar (insbesondere die Begegnung mit den
"Cannibales"). Für den Wahl-Coburger Schubart dagegen war Fremdheit
bereits in Europa erfahrbar - freilich eher in komischer Form. Die Ständegesellschaft
bildet den Hintergrund für eine überwiegend amüsante Schilderung der Realität
aus der sozialen Untersicht. Sie kulminiert in der Erwähnung einer fürstlichen
Maskerade, die damals ein fester Bestandteil des höfischen Lebens war. Auch
Reiseberichte sind letztlich subjektive Entwürfe von Wirklichkeit.
Reinhard Heinritz/ Bearbeiter: Edmund Frey
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