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Coburg aus dem
"Dintenfas": "Ich
werde immer nur ein Dilettant bleiben": Herzog Ernst II. (1818-1893) und
die Künste
Ernst war erstgeborener Sohn von Herzog Ernst I. und Luise von Gotha. Nach der Scheidung der Eltern mussten Ernst und sein Bruder Albert beim Vater bleiben. 1844 übernahm er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters die Aufgaben des Herzogs von Sachsen-Coburg und Gotha. Wie sein Vater war auch Ernst II. ein Liebhaber des Theaters. Und wie sein Bruder Albert dilettierte er gerne im Bereich der Musik. Beide schätzten es, ganz wie das wohlhabende Bürgertum ihrer Zeit, im Kreise der Familie gemeinsam zu musizieren. Im Unterschied zu Albert, dessen Tugendhaftigkeit sprichwörtlich war, hielt es Ernst II. eher mit seinem Vater und dessen weniger tugendhaftem Leben.

Herzog
Ernst II. Privatarchiv.
Herzog
Ernst II. spielte eine nicht unerhebliche Rolle in der Deutschen
Nationalbewegung vor und nach 1848. Allerdings wird diese Rolle in Coburg gern
übertrieben dargestellt. Ähnliches gilt insgesamt für die Einschätzung der
Rolle Coburgs in der europäischen Politik des 19. Jahrhunderts. Eine Aussage
wie: Die Coburger "regierten tatsächlich einst die halbe Welt" mag
faktisch zutreffen, wird in seiner historischen Bedeutung aber überschätzt. An
den realen "Schalthebeln der Macht", saßen im 19. Jahrhundert nicht
die Nachkommen der "Coburger Prinzen und Prinzessinnen", sondern
Unternehmer, Handelsgesellschaften, Banken und Kapitaleigner. Der Adel war weder
in Großbritannien, noch in Belgien etc. noch die führende Klasse. Seine
absolute Macht war trotz der noch vorhandenen Standesprivilegien vorbei und die
klügeren Regenten wie Leopold von Belgien akzeptierten dies.
Musik
und Theater:
Von Ernst II. sind mehr als 30 Kompositionen überliefert, am bekanntesten und populärsten sind sicher seine Werke für Männerchöre. Neben Liedern und Instrumentalwerken schrieb Ernst Opern, die alle an den Hoftheatern in Coburg oder Gotha uraufgeführt wurden. Die "grand opéra" im Sinne Meyerbeers war sein Ziel als Komponist. Dabei benötigte er nicht nur die Hilfe von Librettisten, sondern auch von erfahrenen Musikern und Arrangeuren, da Ernst über keine soliden Kenntnisse der Kompositionslehre verfügte. Erst mit seiner dritten Oper "Casilda" (Uraufführung 1851) fand Ernst II. eine über seine Residenzstädte Coburg und Gotha hinaus reichende Resonanz. Bei der vierten und erfolgreichsten Oper "Santa Chiara" (1854) versuchte Ernst, sich der Mitarbeit renommierter "Profis" zu versichern. Für die Instrumentierung und das Anfertigen der Partitur wollte er den "genialen Wagner" gewinnen. Ernst II. bot Richard Wagner 900 Taler für seine Arbeit, die für diesen "ein Leichtes sein dürfte", wie Ernst an Franz Liszt schrieb. Wagner lehnte ab; in seiner Autobiographie "Mein Leben" stellte er sarkastisch fest: Mein "großmütiger Arbeitsbesteller (wollte) es sogar übernehmen, trotz meiner Lage als Geächteter" (Wagner lebte zu diesem Zeitpunkt im Exil in der Schweiz) "mich in sein Schloss nach Coburg kommen zu lassen, wo ich mit ihm, dem Komponisten, und Frau Birch-Pfeiffer, der Dichterin, eingeschlossen das neue Werk fördern sollte".

Charlotte
Birch-Pfeiffer und Ernst II: "Fabrikmäßige Kunstproduktion" und spätromantischer
"Dilettantismus"
Charlotte
Birch-Pfeiffer (1800-1868) war die erfolgreichste Dramatikerin des 19.
Jahrhunderts, auch weitaus erfolgreicher als jeder Dramatiker dieser Zeit. Die
"Mutter des Rührstücks" verfasste mehr als 100 Bühnenwerke,
darunter auch Libretti für Meyerbeer, Flotow und Ernst II. Ihren außerordentlichen,
auch finanziellen Erfolg, verdankte sie der "überwältigende(n) Popularität
ihrer Bühnenwerke beim deutschsprachigen Publikum". Doch schon Ende des
19. Jahrhunderts war es damit vorbei; eine Entwicklung, die Charlotte
Birch-Pfeiffer vorhergesehen hatte, denn sie betrachtete ihre Stücke
realistisch: Die "fabrikmäßige Produktion von Dramen als
Handelsobjekt" erbringt Stücke, die Modeerscheinungen sind und nicht für
die "Ewigkeit" geschrieben werden, sondern für den schnellen Erfolg.
Diese marktorientierte Haltung, die bereits auf die "Kulturindustrie"
des 20. Jahrhunderts verweist, unterscheidet sich fundamental von der spätromantischen
Überzeugung des Herzogs, der am 28. Juni 1856 an Gustav Freytag schreibt:
"[...] lachen Sie mich nur recht aus, - ich brauche die Kunst als Nahrung für
mein eigenes Herz. In ihr liegt für mich die Poesie des Lebens, sie ist meine
Religion; ich kann ohne sie nicht leben [...]. Selbstkritisch, aber vielleicht
auch nur kokettierend, fügt Ernst hinzu: "Wenn ich auch Gefühl und Verständnis
habe, so werde ich immer nur ein Dilettant bleiben und nicht einmal ein
besonderer."
Ernst
II. in Afrika:
Ernst
II. hat mit Hilfe Gustav Freytags 1864 in Leipzig in einer Auflage von 260
Exemplaren ein Buch unter dem Titel "Reise des Herzogs Ernst von
Sachsen-Coburg-Gotha nach Ägypten und den Ländern der Habab, Mensa und
Bogos" herausgegeben. Nicht alle Kapitel seines Reisewerkes wurden von ihm
selbst verfasst; Teile davon stammen von Gustav Freytag und einem von diesem
benannten Mitarbeiter, Dr. Busch. Ohne Namensnennung sind auch Auszüge aus
Herzogin Alexandrines während der Reise geführtem Tagebuch eingebaut. Das Buch
war prächtig ausgestattet: es erschien im Großformat, mit Leineneinband und
Goldprägung und mit 20 farbig gedruckten Lithographien von Robert Kretschmer.
Selbstverständlich berichtet Ernst über diese Reise auch in seiner
Autobiographie "Aus meinem Leben und aus meiner Zeit".
Die Reisegesellschaft, die am 28. Februar 1862 von Triest aus in See stach (Rückkehr nach vielen Strapazen am 30. Mai.) bestand aus: Ernst, seiner Frau Alexandrine, zwei Neffen, Friedrich Gerstäcker, der Frau des Zoologen Alfred Brehm, dem Zeichner Kretschmer und einem kleinen Hofstaat nebst Dienern und Zofen. Der Zoologe Alfred Edmund Brehm, Verfasser von "Brehms Tierleben", war schon vorausgefahren, um die Expedition logistisch vorzubereiten. Zu diesem Hofstaat gehörte auch der Flügeladjudant von Ernst, Major von Reuter und seine Frau, die eine uneheliche Tochter von Ernst war, nämlich die 1839 geborene Helene von Sternheim.

Der
Prinz von Wales besucht die Reisegesellschaft an Bord ihres Schiffes in Luxor.
Farblithographie von Robert Kretschmer, 1864. LBC, F 56, 18.
Probleme:
Gustav
Freytag lehnte es ab, den Beitrag Brehms in den veröffentlichten Reisebericht
aufzunehmen. Im Unterschied zum Herzog, der es verstand, bunt und spannend zu
fabulieren, pflegte Brehm eine sachliche "Wissenschaftsprosa", allein
an der exakten Beschreibung der Tierwelt interessiert, der er tatsächlich
begegnet war.
Das
Afrikabuch des Herzogs verkaufte sich trotz der geringen Auflage von 260
Exemplaren (allerdings war der Preis mit "ca. 25 Thaler" mindestens
ebenso stattlich wie die Ausstattung des Buches) nur schleppend. Vier Jahre nach
Veröffentlichung lagen noch 61 Exemplare beim Verlag, davon 46 nicht
aufgebunden. Von diesen übernahm der Herzog 20 Exemplare (10 gebunden; 10
kartoniert); der Rest wurde vermutlich makuliert.
Friedrich
Gerstäcker (1816 - 1872):

Friedrich
Gerstäcker im Hintergrund mit Poncho. Ausschnitt aus einer Farblithographie
von Robert Kretschmer, 1864. LBC, F 56, 18.
Gustav
Freytag hat die Bekanntschaft des Herzogs mit dem seinerzeit sehr erfolgreichen
Reiseschriftsteller und Weltreisenden Friedrich Gerstäcker vermittelt. Am 5.
August 1853 schreibt Freytag an Gerstäcker:
"Der
Herzog von Coburg hat den lebhaften Wunsch, Ihre persönliche Bekanntschaft zu
machen. [...] Er interessiert sich lebhaft für Ihre Reisen, hat selbst viel
Reisen gemacht, ein großer Jäger und enthusiastisch für interessante
Begebenheiten und selbständige Menschen."
Friedrich
Gerstäcker und Ernst II. fanden Gefallen aneinander. Gerstäcker wurde
eingeladen, in der "Schweizerei" im Park von Schloss Rosenau zu
wohnen. Ab 1854 lebte Gerstäcker mit seiner Familie im angebotenen Haus. Gerstäcker
begleitete den Herzog auf dessen Jagdausflügen. In der "Schweizerei"
entstanden u.a. der Australienroman "Die beiden Sträflinge" (1856)
und die Erzählung "Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer" (1857).
Während
seine Familie in der "Schweizerei" bzw. Schloss Rosenau blieb, ging
Gerstäcker im Mai 1860 wieder auf Weltreise, für 18 Monate nach Südamerika
auf den Spuren deutscher Auswanderer. In kurzer Zeit entstand in Coburg sein
dreibändiger Reisebericht "18 Monate in Südamerika". In diesem Buch,
wie auch in seinen früheren über Nordamerika und in den Berichten, die in
bekannten Publikumszeitschriften wie der "Gartenlaube" erschienen,
versuchte Gerstäcker, ein realistisches Bild der von ihm besuchten Länder zu
vermitteln und so weitere Auswanderungswillige vor Illusionen zu bewahren.
Anfang 1862 lud Herzog Ernst II. Gerstäcker ein, ihn auf seiner "Reise [...] nach Ägypten und den Ländern der Habab, Mensa und Bogos" zu begleiten. Im Laufe der Reise schrieb Gerstäcker kurze, farbige Schilderungen der verschiedenen Stationen, die noch während des Aufenthaltes in Afrika in deutschen Zeitungen erschienen, darunter auch in den Gothaer Zeitungen und der "Coburger Zeitung". Gerstäckers Veröffentlichungen verschafften der Expedition eine große Publizität in Deutschland und lenkten damit von den Skandalen und Skandälchen des Herzogs in den vorausgegangenen Jahren ab.

Ernst II. auf
Elefantenjagd. Farblithographie
von Robert Kretschmer, 1864. LBC, F 56, 18.
Die
Autobiographie "Aus meinem Leben und aus meiner Zeit" von Ernst II.:
Herzog
Ernst II. versuchte sehr lange, fast bis Königgrätz 1866, zwischen Preußen
und Österreich in der Frage, wie ein zukünftiges "Deutsches Reich"
strukturiert sein sollte, zu vermitteln. Doch Ernst war schon lange keine
entscheidende Größe mehr und schließlich siegten Bismarck und die preußische
Machtpolitik, die Fakten schaffte. Fast im letzten Augenblick sprang
Ernst auf den fahrenden Zug Richtung Preußen auf und wechselte mit seinem
kleinen Truppenkontingent auf die preußische Seite. Sein persönlicher Ruf litt
zusätzlich darunter, dass er für seinen Kurswechsel von Preußen den
ehemaligen Staatsforst um Schmalkalden von 8.800 ha als Privateigentum erhielt.
In seinen populären Memoiren, die der Historiker Ottokar Lorenz redigiert hatte und die 1887 bis 1889 in drei Bänden erschienen, versuchte Ernst, die Geschichte so umzudeuten, als ob das Bismarcksche Deutsche Reich immer schon das Ziel gewesen wäre, für das er eingetreten sei. Für den Historiker Thomas Nicklas (Universität Erlangen-Nürnberg) ist das nichts als "Lüge und Selbstverrat". Dass Ernst um sein Scheitern wusste, lässt Uwe Timms Schilderung in "Der Mann auf dem Hochrad" (Untertitel: Legende; 1984 erschienen) erkennen. Der Publizist Maximilian Harden (1861-1927), Bismarck-Verehrer und späterer Kritiker Wilhelms II., schreibt in seinem Nachruf auf Ernst II. unter dem Titel "Paradebetten": "Er war ein Fürst, wie er nicht sein soll: ein unruhiger, lärmender, stets auf den Effekt bedachter Geist, der auf allen Feuern kochen und von allen Suppen seinen Theil haben mochte."

Ernst
II., Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha. Photographie des Denkmals im Coburger
Hofgarten um 1900. LBC, GP A Ernst II. 5.
Edmund
Frey
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