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Coburg aus dem
"Dintenfas":
Donner der "Carthaunen" (Martin Bötzinger, 1599-1673): Der
Dreißigjährige Krieg in zeitgenössischen Darstellungen
Coburg
im Dreißigjährigen Krieg:
Die vorliegenden Texte sind teils historische, teils autobiografische Darstellungen, wobei die Grenzen manchmal ver-schwimmen. Sie zeigen, wie sehr das persönliche Lebensgefühl durch den Krieg bestimmt wird. Der Coburger Chronist Georg Paul Hönn beschreibt die Ereignisse des Jahres 1632 in seiner "Sachsen=Coburgischen Historia" von 1700. "Schutt und Asche" ist der Tenor dieser und anderer Chroniken, die damit die Erfahrung der Bevölkerung wiedergeben. Die Aufzählungen der Ereignisse und Schreckenstaten wirken fast wie eine Litanei - eine Art Klagegesang in Prosa. Die Fassungslosigkeit über die Gräueltaten wechselnder, für die Bevölkerung ununterscheidbarer Kriegsparteien spiegelt sich auch im Lapidarstil des Historikers Hönn wieder.

Die
Gräuel des Krieges. Kupferstich aus: Michael Franck: Das alte sichere und in
Sünden schlaffende Teütschland [...], 1651. lBC, Mo 699#25.
Auch
in literarischen Zeugnissen Coburger Autoren findet man häufig Fakten und
Emotionen vereinigt. Johann Christoph Kohlhans, Lehrer für Naturwissenschaften
und Poetik am Casimirianum schildert in seiner
"Descriptio Poetica Obsidionis Coburgi" (1633) die Gräuel des
Kriegs in einer zweisprachigen epischen Darstellung (griechisch und lateinisch).
Dabei wird die Belagerung ("obsidio") der Coburger Veste in aller
historischen Genauigkeit behandelt; der Autor "besingt" das
verursachte Leid in einem gehobenen, pathetischen Stil,
wobei er - nicht unüblich für die Barockzeit - auf antike Vorbilder
anspielt, konkret: Homers "Ilias":
"Singe, Muse, wenn auch in bescheidenem Lied, vom Zorn der
feindlichen Kriegerschar, die der Stadt Coburg unendliches Leid bereitet
hat."
Das
Figurenpersonal besteht aus schlichten Opfern der Belagerung: durchschnittliche
Dorf- und Stadtbewohner, einige Würdenträger, die namentlich erwähnt werden.
Sein episches Gedicht hat eine anti-heroische Tendenz und an dem Geschehen, das
hier abrollt, haben Götter keinen Anteil. Trotz der drastischen Vergleiche und
des verstiegenen Anspruchs hält sich Kohlhans - fast wie ein
Geschichtsschreiber - eng an die Chronik der Ereignisse. Insofern ist Kohlhans´
Dichtung von Hönns Chronik nicht allzu weit entfernt.
Die
Lebensbeschreibung Martin Bötzingers:
Martin Bötzinger (1599-1673) benutzt in seinem Erlebnisbericht ebenfalls die Perspektive "von unten". Bötzinger war Pfarrer in der Nähe von Heldburg; durch einfallende Truppen wurde er aus seinem beschaulichen Leben herausgerissen. Seine leidvollen Erfahrungen machte er zum Thema einer autobiografischen Erzählung, die heute noch zitiert wird. Der Originaltext ist verschollen, so dass man auf diverse Abschriften angewiesen ist. Der Kirchenhistoriker Johann Werner Krauß hat ihn 1730 zuerst überliefert (allerdings nur fragmentarisch). Es gibt zwei weitere Fassungen, die über das Kraußsche Fragment hinausgehen. Hier wird Bötzingers Bericht zunehmend geglättet, aber auch enthistorisiert. P. C. G. Karche, der zwischen 1825 und 1853 die "Jahrbücher der Herzogl. Sächs. Residenzstadt Coburg 741-1822" herausgab, scheint den Originaltext noch gekannt zu haben, da er die Erzählung kommentarlos fortsetzt, wobei die modernisierte Sprache auf redaktionelle Eingriffe schließen lässt.

Coburg
im Dreißigjährigen Krieg: Verteidigung der Veste durch die Schweden 1632.
Schützenscheibe von 1933. SSC, Veste SB Kat 65.
1925 hat Oskar Wünsche den überlieferten Text "behutsam dem Deutsch unserer Gegenwart angenähert und in den verloren gegangenen Teilen vorsichtig ergänzt", das heißt: Wünsche hat ihn romanhaft aus- und umgestaltet und stilistisch stark überarbeitet. Das Ergebnis: ein idyllisches Genrebild, das nichts mehr von der Leuchtkraft der alten Vorlage hat. Verklärende Historienmalerei herrscht auch in zwei anderen Romanen vor, die sich mit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges beschäftigen. Von J. H. Löffler stammt ein Roman mit dem Titel "Martin Bötzinger, ein Lebens- und Zeitbild aus dem 17. Jahrhundert" (1897), der aber nur die Geschichte der Werbung und Eheschließung des Pfarrers schildert und sich in süßlichen Szenen erschöpft. Reizvoller ist das kaleidoskop-artige Zeitpanorama von R.S. Ludloff "Coburg anno 1629" (1905), in dem der große Krieg ebenfalls ausgeklammert bleibt.

Das erste
Friedensdankfest auf dem Marktplatz in Coburg 1650. LBC, Mo 699#25
Reinhard Heinritz/ Bearbeiter: Edmund Frey
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